In jeder Schule muss gemeinsam geplant werden. Wenn Sonderpädagog*innen (die ich hier mit Absicht nicht Förderschullehrkräfte nenne, denn im Rahmen der Inklusion arbeitet man ja nicht an einer Förderschule) in Nicht-Förderschulen mit an Bord sind, dann geht es auch um Unterrichtsplanung. Und um die Auswahl passender Lehrmittel, und um Ausflüge, um Förderplanung, um Konferenzen, Abschlüsse, Beurteilungen, wie der Klassenraum aussieht, was gebraucht wird, Elterngespräche, keine Ahnung was noch alles, aber das unterscheidet sich im besten Fall nicht von der Förderschule. Im schlechtesten Fall wird man gar nicht involviert. Und das wiederum passiert, wenn die schulische Aufgabe nicht als eine gemeinsame angesehen wird. Wann passiert das? Wenn die Förderschule, die abordnet, im Allgemeinen negativ gegenüber der Inklusion eingestellt ist und die Tätigkeit mit der Abordnung eher als Last angesehen wird („jeder muss das mal machen, mach doch mal bitte dieses eine Jahr die Abordnung“). Das habe ich selbst schon so erlebt. Auch von Förderschulleitungen und nicht nur im Kollegium.
Es passiert auch, wenn man an eine Schule kommt, die keine Erfahrung mit gelingender Kooperation hat. Wenn man merkt, dass die Regelschullehrkräfte kein Interesse an Kooperation haben. Hab ich auch schon erlebt ( „nimm die alle bitte mit in deinen Förderraum“)
Manchmal hat das auch menschliche Gründe, man ist sich nicht sympathisch, man kommt irgendwie nicht zueinander, gibt es auch. Hab ich auch schon erlebt, auch an Förderschulen, übrigens.
Zusammenfassend würde ich sagen, dass Kooperation nur dann gelingen kann, wenn man einen gemeinsamen Gegenstand in Schule findet, bestenfalls ist das die Gesamtverantwortung für das Leben und Lernen aller Kinder in der Klasse und die Abläufe in Schule. Im Mindestfall ist das die Lernentwicklung der Kinder mit Unterstützungsbedarfen. Daran ist nichts Schlimmes: wenn du mit 5 Stunden abgeordnet ist, dann kannst du nicht groß Mitverantwortung tragen. Wenn man auf vielen Hochzeiten tanzt, musst du gucken, wie viel Ressource in welches System fließt. Und das ist eine ganz persönliche Angelegenheit. Da würde ich lieber mal die gängige Abordnungspraxis und diese bekloppte Stundenzuweisung hinterfragen!
Aus meiner Sicht gibt es auch nicht die Lehrkraft als einheitliches Berufsbild. Wir sind auch alle unterschiedlich. Jeder hat so seine Schwerpunkte, seine Schwächen, seine Highlights, Sachen, die einem liegen und Sachen, auf die man keinen Bock hat. Einige von uns haben eine sehr gute, intensive Bindung zu Schüler*innen, andere nicht so, dafür sind sie aber besser in Kooperation mit den Lehrkräften. Einige bereiten wundervollen Unterricht vor, andere unterrichten aus der Hüfte heraus. Manche sind verpeilt, manche zielsicher.
Auf dieser Grundlage ist gemeinsame Planung natürlich irgendwie eine Herausforderung. Bei uns an der Schule ist besonders die Einsatzplanung wichtig. Und letztes Jahr haben wir gemerkt, wie das ist, wenn sich eine Instanz einmischt, die unser System ins Wanken bringt. Wir planen grundsätzlich erstmal selber; wir sind 5 Sonderpädagog*innen, 4 in Teilzeit und eine in Vollzeit. Wir sind, keine Überraschung, auch schon seit Jahren unterbesetzt, das heißt, die sonderpädagogische Versorgung liegt meist so um die 50 bis 60 %, rutscht aber auch gern mal unter 40%. Bei mehr als 60% müssen wir von unseren Stunden noch welche abgeben an andere Schule, die noch schlechter versorgt sind mit Sonderpädagog*innen.
Wir gucken zuerst auf die Schwerpunkte, wo sind Kinder mit Unterstützungsbedarfen, welche von denen benötigen eine Doppelsteckung mit einem*r von uns. Wo wird was benötigt?
Das führt dazu, dass eine Kollegin Beratungsstunden macht, die sie als total wertvoll und sinnstiftend empfindet. Ich kann das voll nicht. Ich will so viel wie möglich mit im Unterricht sein. Ich mag es zu unterrichten und habe mich nach 8 Jahren an der Schule jetzt bei so manchem*r Kollegin*en voll reingezeckt als Teampartnerin. Nicht also als Assist in der Teach-assist Aufteilung, sondern als Lehr-Team, beide vorne, beide sprechen, beide haben Material in petto, beide machen die Nachbereitung. Das klappt nicht mit jeder Lehrkraft so und das ist auch nicht der Anspruch, den ich habe. Ich baue mir also keine Beratungsstunden in den Stundenplan, kann aber jederzeit sagen, am Donnerstag muss ich mal raus und in die Xy-Klasse, ist das okay?
Unterricht, in dem man nur Assist ist und das auch noch mit wenig bis keinem Mehrwert, also nichts zu tun, Kinder kommen klar, Material ist da, das sind so hohle Stunden, das guckt man sich eine Weile an und spricht dann mit der Lehrkraft, wie sie sich das wünscht, mehr kooperieren, oder lieber Beratungzeit einräumen? Man merkt, dafür ist viel Kommunikation nötig. Klappt auch mal mehr mal weniger. Ich habe auch Stunden, da halte ich mich absichtlich zurück und bin eher spontan am Start mit Material. Deswegen nutzen meine Kolleg*innen und ich eine Datenbank über die digitale Schulplattform, die auch nur mehr oder weniger gepflegt wird, aber für spontane Aktionen hilft das immer sehr. Ein Kollege hatte jetzt die Idee, dass wir mehr Stunden in Diagnostik im 5. Jahrgang stecken und auch in die Prüfungsvorbereitung in 9 und 10. Das probieren wir jetzt mal aus. Es ist trotz der guten Absprachen und gemeinsamen Planungen immer gefühlt zu wenig Zeit für alles. Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass die Kinder bei uns gut versorgt sind. Niemals würde ich sagen, dass das reicht, denn dann legitimiert man selbst die schlimmsten Befürchtungen, nämlich, dass es sich niemals ändert.
Wenn wir einen ungefähren Plan haben, abgesprochen auch mit den anderen Lehrkräften im gemeinsamen Unterricht, gucken wir noch, wo auch Stunden der pädagogischen Fachkräfte sinnvoll eingesetzt werden könnten. Das machen die aber meist selbst schon oder sprechen sich kurz mit uns ab. Und dann geht der Plan in die Jahrgangsleiterbesprechung, damit die nochmal draufgucken und sehen können, ob es noch Bedarfe gibt. Leider gibt es immer Leute, die das nutzen, um zu meckern. „Warum bekommt dieser Jahrgang so viele Stunden und wir nicht?“ Wir können das immer gut begründen, aber da bleibt immer das Gefühl, derjenige denkt ernsthaft, dass wir irgendeinen Jahrgang absichtlich benachteiligen. Mit solchen Leuten gelingt Kooperation aber sowieso oft nicht, da kann man nur den Kopf schütteln. Dafür hat man aber viele Jahrgangsleiter, die nur sagen: Jaja, das haben wir alles schon besprochen, das läuft gut so!
Nur eingeschränkt planbar ist der neue 5. Jahrgang, da muss man immer etwas warten, weil ja noch nicht klar ist, wie viele Kinder wirklich Hilfe benötigen, worin genau die Unterstützungsbedarfen bestehen usw.. Dafür machen wir aber auch Übergangsgespräche mit den Grundschulen, studieren die Anmeldungen auf Hinweise und nehmen Kontakt auf mit den Eltern.
Und natürlich ist es immer schwer, wenn Lehrkräfte ausfallen oder neue Schüler*innen kommen, die unterstützt werden sollen. Oder wenn eine*r von uns ausfällt oder abgeordnet wird. Löcher stopfen ist das. Denn grundsätzlich ist der Plan, dass wir uns die Jahrgänge teilen, und jeder seine Jahrgänge von 5 bis 10 begleitet. Das klappt nicht immer.
In den Plan schreiben wir auch immer, in welchen Fächern die Doppelsteckung mit uns gewünscht ist. Das bekommt letztendlich der Stundenplaner und der baut all die Infos in die Maschine mit dem Algorithmus. Und diese spuckt am Ende einen Stundenplan aus, in dem das Meiste berücksichtigt wurde. Wie gesagt, klappt nicht immer, aber man kann dann immer noch ein bisschen gucken und im begrenzten Rahmen was schieben oder ändern.
Ich weiß, dass viele Kolleg*innen an anderen Schulen das ganz anders erleben. Für mich fängt das aber schon genauso an. Ich will nicht im Sportunterricht daneben sitzen, nur weil das eben nicht anders geht. Das wäre verschenkt. Also muss ich planen und besprechen, meine Vorstellungen an das bestehende System und die Bedürfnisse der Einzelnen anpassen und gucken, dass am Endes etwas rauskommt, mit dem man die bestmögliche Förderung für die Kinder rausholt. Top-Down Regeln mag ich nicht, der andere Weg ist besser, finde ich.
Zu all dem hier braucht es die Bereitschaft flexibel zu sein, man muss sich absprechen wollen und man sollte Kompromisse eingehen können. Und es braucht Zeit, bis sich Abläufe bewähren und manifestieren. Man kann nicht erwarten, dass an einer Schule, die bisher nicht so gute Erfahrungen gemacht hat mit Abordnungen, gleich alles tippitoppi läuft, man kann nicht von abgeordneten Lehrkräften erwarten, dass sie alles mitmachen und sich hin und herschieben lassen. Eine Kollegin in Vollzeit so wie ich hat es sicher leichter, als jemand der in Teilzeit arbeitet. Ich bin immer da, kann flexibel Stunden verschieben und bin gut erreichbar. Weil ich ja nur die eine Schule habe. Abgeordnete Lehrkräfte haben noch andere Arbeitsorte. Das macht Planung komplex.
Was ich mir wünsche, ist, dass eingesehen wird, dass die Abordnungspraxis nicht förderlich ist für die Inklusion. Das ist noch Luft nach allen Seiten im Ideenzentrum, ihr lieben Bildungspolitiker*innen, oder etwa nicht?