Auf einer Social Media Plattform habe ich bei einem Post den Impuls unterdrückt, einen Kommentar zu hinterlassen. Jetzt finde ich den Post nicht mehr und das ärgert mich, weil ich gerne nochmal näher betrachten würde, warum mich das so in Unruhe versetzt hat, was der Post ausgesagt hat.
Sinngemäß erinnere ich mich an die Aussage: Ich bin so glücklich, Förderschullehrkraft zu sein. Ich kann individuell fördern, ich kann meinen Klassenraum so gestalten wie ich will, ich kann mit den Themen und Inhalten flexibler sein und es ist schon ein Privileg, den Kindern ein von mir gestaltetes Lernumfeld anbieten zu können. Ich habe ein Privileg.
Ich hab das gelesen und gedacht, häh, dein Privileg? Du denkt gar nicht an die Kinder, oder wie? Was ist denn ihr Privileg? Also dachte ich, ich schreibe mal einen Kommentar, habe zweimal was geschrieben und wieder gelöscht, weil ich letztens Endes Social media einfach nicht als Diskussionsplattform sehe. Ich kommentiere eigentlich nur Positives, und nicht, um zu widersprechen oder zu meckern. Das kam mir aber so vor. Ich kenne die Person nicht, die diesen Post verfasst hast und ich will sie nicht beleidigen oder bloßstellen. Wahrscheinlich würde sie meine Sichtweise gar nicht teilen. Ich weiß auch, dass Social media gerade was Schule angeht oft dazu genutzt wird, um ein verträgliches Bild zu zeichnen, guck, so kann man das auch machen! Schau mal, es geht doch! Schaut euch mein Material an (ihr könnt es auch kaufen!), eine Wucht, mein Klassenzimmer und mein Classroommanagement, du kannst das auch! Die Grundaussage finde ich daran immer gut. Man bekommt gute Ideen vermittelt, was man selbst auch mal probieren kann. Dafür ist das mit der Reichweite super. Und diese „Meine Welt als Lehrkraft“ Beiträge sind oft auch witzig, man erkennt sich darin wieder. Ich mag die Beiträge, in denen deutlich gemacht wird, dass Schule eine Herausforderung ist, die aber wirklich viele Lehrkräfte gerne annehmen. Das ist schön und richtig.
Dennoch hat mich dieser Post einfach stutzig gemacht. Weil es wieder um den Arbeitsplatz und eine Arbeitsplatzbeschreibung geht, die auf die meisten Förderschullehrkräfte gar nicht mehr zutrifft. Es gibt nämlich auch die, die im Rahmen der Inklusion an den Regelschulen arbeiten. Oder die, die beratend tätig sind. Und die haben dieses beschriebene Privileg irgendwie (noch) nicht, oder? Es wirkt so, als sei aber das das Ziel. Und so kann es nicht gelingen, dass Förderschullehrkräfte sich im Rahmen der Inklusion an den Regelschulen wirklich wohl fühlen, wenn das Ziel eigentlich ist, ein Privileg auszuüben. Und was ist überhaupt mit dem Privileg für die Kinder? Was ist das Besondere an Förderschullehrkräften? Der Part mit der Förderschule oder das Wort Lehrkraft in der Berufsbezeichnung?
Ich merke, dass ich nicht die Einzige bin, die diese Frage stellt. Aber jedes Mal, wenn ich sowas lese, dann hoffe ich, dass Menschen nicht davon eingelullt werden. Deswegen mag ich solche Beiträge nicht. Sie zeichnen ein Bild, demgegenüber die derzeitige bildungspolitische Lage gar nicht gesehen wird. Ich bleibe bei der These, dass Förderschulen letztendlich eine strukturelle Begrenzung von Lernmöglichkeiten bedeuten. Sie bieten einen tollen Arbeitsplatz, aber der Gedanke der Inklusion, die Frage nach Teilhabe, die vielen Kolleg*innen, die im Rahmen der Inklusion nicht an Förderschulen arbeiten, Kinder, die sich ausdrücklich Beteiligung wünschen, junge Erwachsene, die nach der Schonraumschule ganz sicher nicht auch den Schonraumarbeitsplatz in der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen brauchen, weil sie andere Träume haben, das alles wird irgendwie negiert. Durch das Narrativ der hilfreichen und bedürfnisorientierten Förderschule! Ich unterrichte auch gerne, ich bin gern sowas wie eine Klassenleitung. Ich kann auch bestimmen, wie Klassenräume gestaltet werden. Ich kann den Inhalt flexibel mitgestalten durch gemeinsame Planung. Sonderpädagog*innen in der Inklusion sind ebensosehr hilfreich und orientieren die Maßnahmen in Schule an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen. Dazu brauche ich die Förderschule nicht, dazu brauche ich mehr Personal in den Schulen und bessere Bedingungen, um den Forderungen der UN-Behindertenrechtskonvention nachkommen zu können. Und ich brauche null-Toleranz für Parteien, die Inklusion als Irrweg oder Ideologieprojekt bezeichnen.
Und wessen Privileg ist das jetzt eigentlich? Ist es nicht so, dass die Beschulung in Sondersystemen in der Kritik steht und vorrangig Förderschullehrkräfte selbst finden, das Förderschulen super sind? Und dann schickt man diese Lehrkräfte in die Inklusion, denn Eltern und Kinder wünschen sich Inklusion und melden sich in den Regelschulen an und die Lehrkräfte sagen: Das klappt doch gar nicht! Merkwürdig!
Wie oft hab ich den Sprech gehört von Inklusionsopfern, von der Tatsache, dass Inklusion gescheitert sei. In Förderschulen. Aber ich dreh durch, die guten Bedingungen sind doch nicht einfach da, die muss man sich doch selbst schaffen. Da braucht man bildungspolitische Unterstützung und finanzielle. Und Kooperation. Wie oft heißt es in Bildungsfragen, dass Inklusion und Digitalisierung die größten Herausforderungen seien. Und warum tänzelt die Politik noch darum rum?
Wenn man will, dass was scheitert, dann scheitert es auch. Auch wenn es sehr viele Lehrkräfte gibt, die dagegen halten und kämpfen. Das würde ich als mein Privileg bezeichnen.
Guter Unterricht, ein toller Klassenraum und positive Gelingenserfahrungen in Schule sind ein Anrecht, das Schüler*innen haben.
Hodor, Leute, Hodor!