Heterogenität unter Lehrkräften

Mein Kollege Herr Err und ich sitzen zusammen und besprechen Noten und Kursumstufungen und lachen viel dabei. Das mag ich. Am Ende schauen wir noch, wer die inneren Monologe von welchem Schüler*innen liest und korrigiert und ich sage: Gib mir ruhig mehr, du hast ja noch Abi. Kollege Err lächelt. Was ich an ihm mag ist, dass er nicht viel sprechen muss um viel zu sagen. Dafür brabbele ich los: Manchmal schäme ich mich ein bisschen, wenn ich über Korrekturen jammere, wir kriegen dieselbe Gehaltsstufe und ich muss trotzdem keine Abiklausuren korrigieren, ich weiß, das ist ein Brett! Und er erwidert: Naja, dafür bist du neben dem Lehrerinnen-Dasein auch immer noch so ´ne halbe Schulsozialarbeiterin. Ich sehe, wie oft und intensiv du mit den Kindern sprichst. Und dann aber auch handelst. Und was er damit meint, stimmt. Gerade an diesem Tag habe ich neben dem Unterricht und der Prüfungsvorbereitung auf die mündlichen Prüfungen für Schüler*innen mit Unterstützungsbedarfen noch ein spontan eingeschobenes Elterngespräch mit problematischem Inhalt geführt, ich habe mit einer Mädchengruppe spontan und aus einer Situation heraus darüber gesprochen, dass sie sich nicht schämen müssen, wenn es um das Thema Menstruation geht (woraufhin eine meinte: Was ist das überhaupt?), weil man darüber gern laut und selbstbewusst reden darf, und bitte nicht leise, denn es ist ein Thema für alle und die Frage: Hat mal einer eine Binde für mich? ist weder peinlich, noch sollte man sie Jungs vorenthalten. Gerade die sollten wissen, was wir Mädchen monatlich so organisieren und aushalten müssen! Am Ende lachte die Bande und man konnte den Regelblutungs-Spirit förmlich spüren. Mit dem Theaterclub nehme ich an Aufführungen außerhalb der Schule teil, was mich viel Extra-Zeit und Extra-Geld investieren lässt, um den 5. und 6.-Klässler*innen zu zeigen, wie sie ihren Selbstausdruck finden und sich dabei wohl fühlen können. Heute bei der Generalprobe im Theater ist mein Job, stolz zu sein. Und das merken die Kinder! Mit einem Mädchen aus einer höheren Klasse habe ich im Gang über den Umstand gesprochen, dass sie sich immer wieder vor Anforderungen drückt und wie sie besser für sich selbst einstehen kann, anstatt ihre Mutter einen absurden Brief schreiben zu lassen. Und den Schulweg nach Hause bin ich zusammen mit einer Schülerin gelaufen, mit der ich über ihre schwierige familiäre Situation sprach.
Der liebe Herr Err leistet auch enorm. Bei ihm sind es manchmal andere, vor allem aber auch zeitliche Herausforderungen, bei mir sind es in der Tat eher emotionale, systemische. Und diese sind auf Kinder in verschiedenen Jahrgängen zu verteilen. Wir leisten beide viel und man sollte uns besser nicht unterschiedlich einstufen oder versuchen zu vergleichen, weil das nicht geht. Man sollte lieber mal wertschätzen, wie facettenreich und heterogen die Lehrer*innenschaft ist und wie wertvoll das ist und wie man das sinnvoll einsetzen könnten, anstatt alle gleich machen zu wollen, alle gleich beurteilen zu wollen oder abzuurteilen über andere, „deren Job man aber auch nicht machen wolle“. Nein, nein, bei uns ist es wie mit den Schüler*innen, wir sind divers, wir sind viele, wir sind individuell. Das nennt man Heterogenität und das ist eine tolle Sache.

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