Thank you, teacher!

Jede SekI-Lehrkraft kennt das Loch des 8. Schulbesuchsjahres, Daleks in Schüler*innengestalt. Besonders Eilige stolpern schon in der 7. hinein, einigen bleibt das Los der überdauernden Bodenlosigkeit länger erhalten und manche sind in der 9. noch so albern wie in der 5.. Aber das Allmachts- und Ablehnungskollektiv des 8. Schuljahrgangs ist legendär. Nicht umsonst stellt man sich die nicht-hypothetische Frage: Sind Achtklässler*innen doof?

Dementsprechend wird man in dieser Alterstufe auch nicht gerade mit Dankbarkeit überhäuft. Ganz im Gegenteil, rotznäsig trotzig und ganz von sich überzeugt blinzeln sie dich an, nur um sich dann verächtlich blickend den Hauptpersonen des Schulalltages zu widmen, nämlich ihren Leidenskumpan*innen. Diese sitzen hoffentlich neben ihnen oder haben sich einfach neben sie gesetzt oder man setzt sie sofort über ihren Unmut in Kenntnis, indem man geheime Mimik einsetzt, die mehrere Meter Distanz überwinden muss. Was übrigens auch oft Stein des Anstoßes tiefster Entrüstung bietet. Nur zum Vergleich mal: Wenn ich in 5 den Klassenraum betrete, jubeln einige Kinder, andere lachen und wieder andere maulen lächelnd, dass sie lieber am Tablet zocken wollen. Ich klatsche vergnügt ein Leisesignal in die Hände und die Rasselbande klatscht frohgemut zurück und ist annähernd bereit für den Unterricht. Sollte man es wagen in 8 ein Klatschzeichen zu machen, gibt es höchstens ein ironisch schlappes Echo, kaum hörbar und eine Hälfte der Klasse tuschelt weiter.

In den Jahrgänge 5-7 widme ich mich also dem Beziehungsaufbau, in 8 stehe ich mit der Spitzhacke bereit. Denn die Zöglinge ziehen es nun vor, abgelehnt zu werden. Das Abbruchmanöver entfesselt sich wie folgt:
Achti: Sie sind voll unverschämt, Frau Enn! Wie sprechen Sie denn mit uns?
Ich: Wer ist denn hier uns? Ich habe DIR gerade gesagt, dass deine mündliche Beteiligung gerade der Note 5 entspricht. Ich verstehe, dass dich das ärgert.
Achti: Mich? Ärgert? Nö, is mir scheißegal. Aber wie sie hier zu uns sprechen, das ist nicht egal. Ich hab da eh keinen Bock mehr drauf. Man wird hier ja grundsätzlich so abgefertigt. Wie es mir geht, ist ihnen ja egal, oder? Oder spielt das bei ihrer Notengebung eine Rolle?
Ich: Ich kenne dich seit der 5. Klasse und ja, das spielt eine Rolle und ist in der 5 schon miteingerechnet. Von dir kommt mündlich rein gar nichts. Das war letztes Jahr noch viel besser. Ich muss dich ja jetzt bewerten und das sieht leider nicht so dolle aus.
Achti: (murmelt etwas unverständlich aber biestig vor sich hin)
Ich: Und wie ist jetzt dein Plan? Wie können wir das verbessern?
Achti: (beginnt Sachen zusammen zu packen)
Ich: Entschuldige, ignorierst du mich jetzt oder ist das Gespräch beendet? Ich brauch da mal ein Statement von dir?
Achti: (guckt mich wütend und starr an)
Ich sage: Wie du willst!

Übrigens ist es bei jedwedem anderen Gespräch auch so. Auch auf Kannst du mal die Fenster schließen? oder Wir sind zufrieden mit deiner mündlichen Beteiligung oder Könnt ihr bitte mal aufhören hier immer so viel Müll auf den Boden zu werfen, wo sind wir denn hier oder Mensch, es ist ziemlich warm hier, willst du nicht mal deine dicke Jacke ausziehen oder Hach, das war eine tolle Stunde, habt ihr gut gemacht!, folgt entweder nichts, ein Schulterzucken, ein verbrämter Blick, ein undefinierbares Murmeln oder der Anfang einer merkwürdigen Diskussion, die dazu führt, dass du entscheiden musst, jetzt entweder gleichgültig zu sein oder die böse Lehrkraft heraushängen zu lassen.

Wie du willst, trötet man also. Aber schon in der nächsten Stunde gibt es Stress, weil schon wieder so ein Spruch von der Seite kommt, sowas wie: Als wären wir jetzt wichtig, oder was? Demonstratives Unaufmerksamsein, ein bisschen Arbeitsverweigerung und eine Prise Drama und ich zwinge mich den Schalter umzulegen. Nicht oft, aber für meine Nerven zu oft, denn es fällt mir schwer. So bin ich eigentlich gar nicht. Aber ich gehe dann in die direkte Konfrontation. Ich schicke die Sitznomaden auf ihre eigentlich Plätze, diese knallen ihre Bücher auf den Tisch. Ich blicke sie böse an und verwarne sie, sie schmeißen die Arme in die Luft vor lauter Empörung, so als wüssten sie nicht, wofür man verwarnt wurde und dann tuscheln sie mit dem Sitznachbarn und ihr Blick wirkt wie die unausgesprochene Variante einer der unsäglichen Flüche mit Todesfolge. Wahlweise wird auch hämisch gegrinst, dann wird man von oben bis unten gemustert, das Tuscheln wird wieder aufgenommen und dann in der Gruppe laut gelacht.

So gemein sind die!!!

Wer jetzt sagt: Die wollen reden, die Kinder!, denen entgegne ich, die wollen gerade nicht reden, die wollen Stress. Und manchmal brauchen sie den aus. Soviel kann ich sagen aus 15 Jahren Schuldienst. Und ich kann es ihnen auch nicht verdenken.

Wo von Dankbarkeit also keine Rede ist, kann man doch hoffnungsvoll nach kleinen Zeichen Mildtätigkeit Ausschau halten. Denn trotz der Widerstände gibt es sie, die kleinen Gesten der Dankbarkeit, auch in 8. Man muss nur sehr genau hinsehen.

Am Tag nach der Krise zeigen die Delinquenten für ein kleines Zeitfenster auf einmal vorbildlich auf und ich nehme sie dran und gebe am Ende der Stunde die Rückmeldung, dass ich zufrieden bin mit der Beteiligung aller. Bloß nicht sofort einzeln hervorheben oder gar direkt ansprechen, das geht nur in seltenen Momenten. Die Ich-hasse-alles-Gruppe kündigt mir morgens an, mich in der Pausenhalle, wo ich die Aufsicht der Hölle durchstehen muss, zu besuchen. Sie tun es wirklich und grinsen mich an, als ich von der Pausenhalle zur Kellertreppe haste, weil sich dort eine gefährliche Grüppchenbildung anbahnt. Ich winke ergeben und sage, sie sollen mal kurz aufpassen, dass sich in der Halle alle vertragen. In der Stunde drauf legt mir der eine wortlos sein Heft (er hat ein Heft!!!) auf meinen Platz. Ich lese, was er geschrieben hat und ich nicke ihm lächelnd zu. Abbruch, Aufbau, Abbruch, Aufbau, so fühlt sich das an. Als wollten sie die Stabilität der Beziehung testen, die man aufgebaut hat. Einmal verlange ich von Schüler*innen, den Besen zu ersetzen, den sie aus Spaß entzwei gebrochen hatten. Sie halten das wohl erst für ein hohle Drohung, zumal zwischenzeitlich ein neuer Besen vom Hausmeister organisiert wurde. Ich aber halte dagegen, dass sie für den Spaß, den sie verzapfen auch geradestehen müssen. Ich nähme sie beim Wort und sie hatten versprochen, den Besen zu ersetzen. Dabei gucken sie einen verwundert an. Der Besen ist ersetzt, der andere wieder zu den Hausmeistern überführt, der kaputte ist entsorgt. Ich spreche kurz mit ihnen darüber, aber nicht belehrend oder hochnäsig, sondern einfach freundlich. Seitdem melden sich dieselben Schüler*innen gern mal für eine Extraaufgabe oder wenn ich bei etwas kurz Hilfe brauche.
Und dann wollen sie auch reden, ihren Frust mit uns teilen oder wenn sie Ärger haben. Sie lassen dann Bemerkungen fallen, von denen ich glaube, dass sie genauso gemeint sind wie das Weißt-du-was, Frau-Enn.. von Fünftklässlern. Also frage ich kurz nach oder gebe mich interessiert und dann plappern sie los, aber immer mit dieser Nuance von Aber-nur-ausnahmsweise, Frau Enn!

Achtklässler*innen sind eigentlich gar nicht doof. Sie brauchen nur Leute, von denen sie genervt sein können, an deren Ansprüche sie sich reiben und die sie offen ablehnen, genauso wie sie Leute brauchen, denen sie sich zuwenden dürfen. Wenn sie wollen!

Als ich einmal in Schottland war im Sommer, konnte man überall Karten kaufen, auf denen Thank you, teacher stand oder You´re the best! Die sind da üblich. Nach einer unzureichenden Internetrecherche war ich auch nicht schlauer, wie das kommt, dass Lehrkräfte dort solche Karten bekommen zum Schuljahresende. Ich habe mir vorgestellt, wie nett es wäre, wenn man das mit dem Dankeschön nicht so aufwändig durch Aufbau und Abbruch herausfordern und erarbeiten müsse in 8. Herrlich wäre das! Also hab ich mir ein halbes Dutzend selbst gekauft. Ich weiß ja schließlich auch selbst, was die Kinder an mir haben, nicht wahr?

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