Ein normales Halbjahr? Abordnung III

Ein Einblick in meine Abordnung an die Förderschule Sprache und Lernen von vor 10 Jahren, ich war ja noch so jung und unerfahren, aber cool! Lest selbst:

Mich hat meine 10. Klasse Förderschule Lernen heute sowas von genervt, dass ich nicht übel Lust hätte, noch heute Leuten in den Nacken zu pusten! Zack, pow, bäääääääng! Eigentlich wollte ich noch erzählen, wie ich drei Kolleginnen beim Stricken auf der Fortbildung beobachtet und wiederum andere Kolleginnen ausgefragt habe, warum die Strickdamen diese und jene Werkzeuge nutzen und nicht andere. Auch ohne Strickzeug kann man zum Profi werden. Kein Mensch möchte zudem was von mir Gestricktes besitzen, deshalb schenkt mir auch keiner was. Ich bin umgeschulte Linkshänderin, das würde zwangsläufig zu unkontrollierten Stoppungen der Blutzufuhr führen an Stellen der mit ennschem Strickhandwerk bewehrten Körperteile! Ich werde es nie lernen.

Ah, Fasching! Das ist jeder Lehrkraft einen Eintrag wert:
Roarghhhh, endlich vorbei, der Tag! Bah, schunkeln, tanzen und lachen, die Kinderchen schön zum Lustigsein animieren. Geht mir voll über! Und n´Loch in meine neue Hose hab ich mir auch gerutscht, da auf dem Linoleumboden. Wurscht!

Eine coole Sache hab ich aber gemacht: „Dass mich hier ja keiner anrührt, wo ich doch so gemütlich auf dem Bürostuhl mit Rollen sitze! Ich muss was futtern!“ Da hatten die Kinderchen doch aus dem Nichts die Idee, mich auf dem Rollenstuhl quer durch die Schule zu schieben, hinein ins Jungsklo! Ja, was für ein Einfall! Dagegen ist Eierlaufen und Reise nach Jerusalem richtiggehend dätsch!

So, Unterricht vorbereiten, irgendwelche Ideen? Keine? Mein Gehirn ist ausgetrötet! Die Disko war grotesk! Ich hab trotzdem getanzt, da bin ich ja nicht so! Und nun schüttelt man das mal einfach ab und konzentriert sich auf … was, nee, häh, was wollte ich noch.. jetzt?

Ach, ich lasse den Kopf hängen, demotiviert bin ich einfach nicht zu gebrauchen. Also nur Päckchen rechnen, nur minus, so!
Äh, aber die Zehnten? Ich schätz, ich muss jetzt doch, obwohl, NEIN, DU MUSST! Aberich…

Im Februar:
Schweigeminute zum Gedenken der Opfer rechtsextremer Gewalt in Frankreich. Mein Versuch zu erklären was Nazis sind, ebbt in Kriegsbekundungen ab. („Meine Oma ist 1885 geboren, glaub ich, die hat alle Kriege mitgemacht, fand sie doof“) und wo mal einer Urlaub gemacht hat (ja, ich war auch mal in Frankreich – He, ich auch, das mit dem Eiffelturm, das).

Die Brut wurde von mir heute getätschelt, ich habe häufig Stress und dann bin ich in der Schule angespannt und dann bin ich gar nicht so eine liebe Lehrerin, wie ich sein will! Heute habe ich aber nur 1. Plätze verteilt, hab gekitzelt und gelobt. Die arbeiten dann wie die Tiere, die Kekse! Herrlich, psychologische Klassenführung!

So, irgendwie krieg ich hier Rückenschmerzen, wahrscheinlich der Schwimmunterricht mittwochs in der Stammschule mit dem Förderschwerpunkt gE, obwohl wir da doch immer noch Meerjungfrau spielen! Sport stinkt!

März, ab jetzt markiert man sich schon die Zeiträume zum Zeugnisschreiben im Sommer:
Mit meiner 10. KLasse ist gerade die Kacke am dampfen! Klassenkonferenzen, saublödes Verhalten, Olly am Limit, immer wieder die selben Idiotien (nicht Idioten, das meine ich nicht). Jugendliche sind ja eigentlich nicht zurechnungsfähig, so mit all den Allmachtsfantasien und der Einstellung, sie wären voll im Recht. Und was sie alles noch nicht drauf haben, um für ihren Lebensunterhalt sorgen zu können und was sie alles noch brauchen, um in der Berufschule auch nur annähernd zurecht zu kommen, das entgeht ihnen. Da stehen sie drüber! Aber ich nicht! Bäh! Vielleicht bin ich da spießig, und ich selbst hab das ja auch so gesehen, als ich 15 16 war, aber hier geht es nicht um Lapalien, sondern um die Existenz schlechthin. Du kannst doch nicht alles um dich herum kaputtmachen und dann davon ausgehen, dass irgendjemand Lust hat, sich weiter mit dir zu beschäftigen. Irgendwann hört Hilfe auf und Versagen beginnt und was dann? Das sind alles tolle Kerle, wirklich, aber die Pupertät ist ein Arsch für diese Leute.
Ich bin ein bisschen frustriert. Und meine Gutachten machen mir auch immer so Sorgen. Du lernst Kinder kennen und redest mit Eltern und fragst dich, warum die armen Dinger schon so jung solche Werdegänge ertragen konnten! Und die Eltern sind ratlos, wenn ich konkret frage: Ja, aber was ist denn die genaue Diagnose? Allgemeiner Entwicklungsrückstand, haha, drohende seelische Behinderung, soso! Sie tun mir ja allesamt leid, Eltern wie Kinder! Von einem zum anderen geschickt werden, keiner kann was Genaues feststellen, weil es nix Genaues gibt und jede geringste Abweichung jetzt schon hochgebauscht wird. Drei Kinder in meiner Klasse sind medikamentös eingestellt, weil sie Schwierigkeiten im Verhalten und der Aufmerksamkeit haben. Ich habe ja Angst vor solchen Entwicklungen.

Zwischendurch mal Spaß an der Stammschule gE:
Ich kipp jetzt mal erledigt um! Die theoretische Schwimmprüfung haben alle bestanden! Wir haben ein wunderbares Stegreiftheater hingelegt, der Toni und ich, für die nichtsprechenden Kinder, „Ey, Toni, lass mal gleich (mit Gebärden unterlegt) 3 dicke Stücke Kuchen und dann noch Fritten essen, was meinste? Ja, klar und danach ab mit dem Köpper ins Wasser, ja….!“ Die Würmer mussten dann tatkräftig einschreiten und den Bademeister benachrichtigen, herrlich, diese Arbeit. Und ich hab nicht so wischiwaschi geprüft, die mussten tatsächlich richtig reagieren. Die sprechenden Kinder mussten was ablesen und die Regeln aufsagen und mit Bildern oder Realsituationen in Verbindung bringen. Es war toll! Tolle Bande!

April:
Das wird wahrscheinlich in den nächsten 1000 Jahren nichts, da man hier keine Ruhe findet, irgendeiner nervt einen hier immer und ich bin schon wieder knapp einer interessanten Abordnung an eine IGS entschlüpft…reiner Selbstschutz, aber meine Schule hat auch gesagt, dass sie mich nicht gehen lassen, sie wollten auch mal von mir profitieren. Das fand ich dann doch nett! Mit der blöden 10. Klasse habe ich Exit through the gift shop geguckt, die können überhaupt nicht ordentlich lesen, also musste ich die Untertitel vorlesen.

Juni, ich bereite mich ein bisschen auf meinen Abschied vor:
Ich hab wieder immens zu tun. Bei 4 Kindern den Förderbedarf aufheben und sie endlich zu den “Normalen” entlassen, ein Gutachten schreiben über ein Kind, dessen Eltern nicht wahrhaben wollen, dass ihr Sohn mit einer Behinderung lebt. 11 Standardzeugnisse verfassen und daneben noch schnell den verbleibenden Stoff in die Kinder stopfen, jetzt hurtig, bitte einsteigen, die Türen zum Einmaleins schließen selbsttätig.

Ich habe gerade einen Jungen in meiner Klasse (neu seit Februar), der hat den Tod seiner totgeborenen Schwester vor 2 Jahren nicht verwunden und kämpft gegen Ablehnung zu Hause und in der Schule, zu viel Zuneigung (teilweise in der Schule) und die Verwirrung um die eigene Wertigkeit. Er erniedrigt andere, misshandelt andere, wenn er sich eigentlich über was anderes ärgert und platzt vor Wut und Unverstandensein. Mit anderen Lehrern geht der Unterricht fast jedesmal schief. Die eine Lehrerin stiefelt mit der Klasse auf einen Friedhof und wundert sich, dass der Junge völlig ausrastet. Die Verwunderung schlägt schnell in blanken Horror um, und die Kollegin bittet die Rektorin(!) einzuschreiten, Klassenkonferenz, Ordnungsmaßnahmen, hauepopo. Die andere lässt ihn 2 Stunden auf dem Flur sitzen, weil sie ihn nicht im Unterricht haben will. So kannst du doch keine Basis mit jemandem aufbauen. Das was ich an mir am schlimmsten finde, meine nervigste Eigenschaft, das viele Labern, das hilft genau hier aber weiter. Ich spreche ihn tacheles sofort drauf an. Schlechter Tag, böse auf wen, warum, was machen wir jetzt. Dann geht es. Er ist jetzt schon ganz traurig, dass ich gar nicht mehr lang da bin! Ich bin geraderaus und nicht so zärtelnd im Unterricht. Mit Stinkerchen darf man nicht zärteln, die wollen jemanden mit dem sie lachen können! Der sich für ihre Themen interessiert! Schule ist auch blöd!

Nur noch 7 Wochen, dann ade!

Kurz vor Tore Schluss:
Hach, ich bin emotional gar nicht zurechnungsfähig, ich lächele heute auch ständig und, NEIN, ich habe nicht wieder meine Nackenschmerzmedikamente genommen. Das hat ja wieder zugenommen, je mehr Stress und gleichzeitig Schwimmunterricht, desto mehr Nackenschmerzen, Übelkeit und Gleichgewichtsprobleme. Aber was tut man nicht alles. Heute haben wir Abzeichenparty gefeiert. Coco und Mike habe ich das Bronzeabzeichen abgenötigt und Dennis hat endlich Seepferdchen!!! (Alle Schüler sind 12 -13 Jahre alt). Ich hab tonnenweise Obst mitgebracht und mein Gastkind von der Nachbarschule, bei welchem die Eltern nicht wollen, dass er die Schule mit dem Förderschwerpunkt gE besucht (DIE sind da ja alle BEHINDERT), dann lieber die Förderschule Lernen, wo das Kind schon jetzt nicht mitkommt und ewig zu wenig Förderung erhält. Sonderfall ätzende Eltern, wer bekommt das Gutachten? Na? Natürlich Frau Enn, einfühlsames Elterngesprächsass… aber das hier wird ne harte Nuss, das sag ich dir! Der Vater hat sich Fußballergebnisse im Fernsehen angesehen, während ich mich mit der Mutter im Wohnzimmer unterhalten habe. Die hat natürlich geweint und dann sitz da mal…. Danach natürlich wieder Nackenschmerzen, Übelkeit und endloser Schlaf am Freitagabend. Aber es ist ganz gut gelaufen. Häh, ich hab den Satz nicht beendet, also mein Gutachtenkind hab ich einfach mitgenommen und wir haben gearbeitet und gefrühstückt und mit Toni haben wir gelacht und mit Toni hat er eine Ananas geschnitten und es hat ihm wunderbar gefallen!
Jetzt muss ich nur noch die Eltern überzeugen. Er ist ein Grenzfall, er hätte es auch auf der Förderschule Lernen schaffen können, wenn er nicht erst in die Vorschulklasse geschickt worden wäre, wo er NIX gelernt hat, ein Dreivierteljahr waren die völlig überfordert und er hat nichts machen können. Jetzt sitzt er in der Förderschule Lernen und kann auch nichts, weil die anderen schon viel weiter sind und ihm die Grundlagen fehlen, er darüber hinaus aber auch motorisch und wahrnehmungstechnisch auffällig ist, und so holen wir so einen Knirps lieber in die Schonschule. Und in der Schonschule isst man tonnenweise Obst mit Schokoglasur, weil man das Schwimmabzeichen schafft, das Eltern eigentlich mit ihren Kindern anbahnen und üben sollten. Stattdessen machen wir das, Toni und ich und Frau Eff und der Hüne Herr Err und wir leisten alle tolle Arbeit für Kinder, die es besser haben könnten. Vielleicht werde ich irgendwann weinen, weil ich es doch nicht ertragen kann, wie schlecht es Kindern geht, auch hier. Wie sie benutzt werden und als Geldquelle dienen und nie neue Klamotten bekommen oder nie gewaschen werden oder oder oder. (Nachtrag: Das würde ich heute so auch nicht mehr unterschreiben, aber damals war das eben so meine Auffassung, die Abordnung an die Förderschule Sprache und Lernen war meine erste Unterrichtserfahrung außerhalb des Systems gE Schule.)

Das hier darf jawohl niemand erfahren, keiner darf das sagen, Schonschule! Wir lernen ja auch, aber ich flüstere jetzt: In erster Linie leben wir zusammen, einen gesunden Teil an Stunden in der Woche, der den Kindern gut tut und sie aufleben lässt, sie Wertigkeit spüren lässt und Sorge und Anerkennung und wir sind ein bisschen wie Mütter, Väter, Freunde, Vertraute, Schultern und Arme. Weil manche von ihnen das noch so sehr brauchen und nie richtig spüren konnten. Ist das nicht irgendwie schlimm? Nein, das Schlimme ist, dass das eigentlich an vielen anderen Schulen auch noch nötig wäre… nicht nur bei den Kindern, die mit geistiger Behinderung leben. (Nachtrag: Das hier unterstreiche ich aber immer noch, völlig unabhängig von der Schulform. Wenn Schule das leisten kann, dass sich Kinder wohlfühlen und gerne lernen, dann ist das eine gute Schule.

Schreibe einen Kommentar