Ein anderer Blick auf etwas

Ich schreibe gerade ein Gutachten. Der Unterstützungsbedarf Sprache und Sprechen wird aufgehoben. Im Übergangsgutachten aus der 4. Klasse steht, dass genau geguckt werden muss in Klasse 5, ob nicht doch der Unterstützungsbedarf Lernen vorliegt. Die Akten der Kinder kommen immer sehr spät in der weiterführenden Schule an. Ich könnte auch behaupten, ich läse die Gutachten nicht, um mir erstmal selbst ein Bild zu machen. Tatsache ist, dass ich mir ein Bild mache und an das Gutachten gar nicht mehr gedacht habe. Also haben wir alle nicht mehr in die Akte geguckt und davon folglich auch nichts gelesen.

Das ist jetzt dreieinhalb Jahre her. Ich hebe jetzt den Bedarf an Förderung im Bereich Sprache und Sprechen auf, der*die Schüler*in braucht keine Förderung mehr. Viel machen mussten wir aber auch nicht, denn Sprache und Sprechen reguliert sich auch durch Modellieren und viele viele Sprachanlässe im normalen Unterricht. Immerhin, wir haben Förderpläne geschrieben und das Kind im Blick behalten. Heute – ich grinse zufrieden, denn es ist auch mal sehr schön, Förderbedarfe aufzuheben – lese ich zum ersten Mal von dieser Aufforderung bezüglich des Unterstützungsbedarfs Lernen.

Ich schaue mir die Noten und Einträge in den Berichten und Zeugnissen an. Vor allem das letzte Halbjahr. Und ich grinse wieder. Das Kind ist voll gut dabei, mindestens zwei höherstufige Kurse werden das im nächsten Schuljahr. Das ist eine richtig gute Leistung.

Was wäre gewesen, wenn wir damals Kenntnis gehabt hätten von dieser Einschätzung im Bereich Lernen? Hätten wir einen anderen Blick darauf gehabt, vor allem auf das Tun des Kindes? Vorher schon eine andere Klasse ausgewählt? Was macht das aus, wenn jemand sagt: Schau dir dieses Kind mal genauer an, es könnte die Anforderungen vielleicht nicht schaffen. Guckt man dann nicht zu genau? Oder ist das Prävention? Wenn jemand anderes sagt, dass da was nicht stimmen könnte.

Bei uns wurde so in jedem Fall nicht geguckt. Und das Kind hat sich wunderbar entwickelt. Ich glaube sowas braucht man einfach nicht. So eine Vorhersage. Wir schauen lieber auf die Gegenwart, gemeinsam.

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