Teil II des Erfahrungsberichts aus der Abordnung an eine Förderschule Sprache und Lernen, damals vor mehr als 10 Jahren, als ich noch nie vorher abgeordnet war und das Leben an der Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung kannte:
Frau Enn, das körperliche Wrack, und mental werde ich auch noch bekriegt. Die emotional bedürftigen Zehntklässler mögen mich anscheinend, denn sie kommen jetzt in den Pausen immer in meine Klasse und wollen bei mir rumhängen. Rausschmeißen lassen die sich nicht so leicht. Auch nicht mit Tattookaugummi… hab ich heute mal getestet. Auf jeden Fall habe ich erzählt, ich ginge ja auf ein Konzert und einer meinte ernsthaft: Ja, was mögen sie denn? Heino?“ Ich erwiderte nur, er könne sich seine 1 in Betragen absolut abschminken. Heute hat die Bande übrigens meinen Vornamen herausbekommen, blökt doch ein Kollege durch die Schule: Olllllgaaaaaaaaaaa, kannst du mal…! Die hormonbeeinträchtigten Horden ziehen die Äuglein kurz zu Schlitzen und wittern dann ihre zeitgemäße Bestimmung. FACEBOOK, sind Sie bei Facebook, Olga Natürlich, wollen wir uns befreunden, Olga Natürlich? Ich murmele nur lächelnd ´Bande`. (Nachtrag von heute: Heute wollen sie immer wissen, ob man bei Insta ist! Nach Snapchat fragen sie nicht, merkwürdig…)
Das Jahr schreitet unaufhaltsam voran:
Laternenfest: Erst in meiner Schule, Thema Indien, ich war die Einzige, die mit Ihrer Klasse was themenbezogenes vorzustellen hatte: eine Wahnsinns-Indienausstellungen mit allem drum und dran: riechen, schmecken, fühlen, Bindi und Sari übergebügelt bekommen! Ein Staunen und Raunen und die Blagen ganz außer sich. Übrigens mal wieder die „Kinder wollen überfordert werden“ Taktik. Erdkundestoff der 5. Klasse, egal, man muss sich auch mal orientieren. Religion ohne Tabus (vom Verbrennen der Toten in Varanasi am Ganges bis zu Hindupriestern, die auf einem Bein stehen, seit Jahren!). Naja, schlussendlich hat der Abend aber wieder nur blöde Elterngespräche hervorgebracht, aggressive Eltern, die irritierende Theorien aufstellen und ich hatte keine Zeit für die Bratwurst. Am Tag danach glänzte Nannis Klassenlehrerin mit einer völlig unorganisierten Demonstration von Klassenzusammenhalt während des Laternenfestes. Jeder bringt was zu essen mit und dann weiß keiner, was damit zu tun ist, die Lehrkraft sagt auch keinen Ton und alle essen schließlich das, was sie mitbrachten, verschämt und durcheinander. Wir haben Nanni dann mit unseren Brezeln rumgeschickt, zum Anbieten! Blöd das! Da will man doch gleich mal eine empathische Lehreransage machen: Willkommen und bla, aber ich bin hier nicht authorisiert! So, nun Unterricht. Kunst für Kurzentschlossene? Vorschläge? Irgendwer?
Die Vorweihnachtszeit:
Ich bin konfus. Einsilbig. Der nicht mehr so neue Job schlaucht in ungeahnte Dimensionen.
Vor kurzem habe ich
a) ein zu schweres Diktat schreiben lassen und meine armen Kinderlein waren allesamt überfordert
b) ein Diktat schreiben lassen und die Saubande hat komplett nicht geübt
c) ein Diktat schreiben lassen
Na, der sensible Leser darf sich nun fragen, welche Interpretationsweise der Autorin zuzuschreiben ist und welche Konsequenzen das für ihre allgemeine Gefühlswelt beinhaltet!
Ein Zehntklässler ist zu allem Übel nun wohl auch noch in mich verliebt, was dazu führt, dass er ungebremst herumalbert und sich daneben benimmt, gleichzeitig aber betont, dass ich die Beste sei! Andauernd soll ich alles vormalen und dann versucht er auch noch mit mir über den Kunstbegriff zu diskutieren. Da ich in den Kunststunden in der Zehnten meistens lache und kommentiere oder Norman, den stummen Außenseiter provoziere, indem ich ihn lobe. O-Ton: NEIN, Frau Enn, das ist keine Kunst für mich, das ist Scheiße. so ist das! Das mach ich nicht! Und ich sage: Norman, du kitzelst aus dem letzten Fetzen noch etwas Schönes raus, da wird dich doch so´ne Pastellkreide jetzt nicht ängstigen! Experimentieren! So motzt er zurück, aber schon leiser: Nee, aber scheiße find ich das so oder so! Und ich dann: Mal doch was mit Leichen oder Blut, mein Lieber, Max macht auch nix Anderes, haha! Daraufhin gehe ich weg, höre ihn aber brummen. Derweil beschwert sich Max über meinen Kommentar! Bei Minecraft gäbe es das doch gar nicht, Leichen und Blut und so. Minecraft ist ein Computerspiel, das er immer spielt, erklärt er mir, weil Heranwachsende immer denken, Lehrkräfte seien keine Menschen, die am zivilisierten Leben teilnehmen. Ich schaue auf seinen Zettel: Was ist das? frage ich. Äh, der Arm blutet? Wo ist denn dein Arm da dran, der hängt da so rum, oder was? Er schaut mich herausfordernd an und malt mit Kreide eine deformierte Gestalt an den Rand. Da hängt er dran, zufrieden? Nö, die Farben, ist der nackt oder was? Was willst du denn damit nun sagen? Er röhrt genervt auf: Uaahhh, dass diese Kunstlehrer immer so einen Scheiß haben wollen. Ich wieder: Scheiß war es vorher, bedeutungslos, jetzt versucht du mich damit zu ärgern, deswegen ist es toll! Max brummelt erst und dann seh ich ihn den Rest der Stunde ausmalend, Farben vergleichen und an seinem blutenden Stumpf arbeiten. Norman hat inzwischen angefangen zu experimentieren und kommt mit einem hervorragenden Ergebnis ans Lehrerpult geschlurft. Is Scheiße! Klar, sage ich, ne eins, Norman! Woraufhin er weiterhin versucht seine ablehnende Haltung aufrecht zu erhalten und spricht: Ich verstehe das nicht, in Kunst krieg ich ne eins und in Werken 2+ und wozu soll das gut sein? Um zu bemerken, was man gut kann, Norman, manchmal tut das einfach gut zu wissen, dass man etwas einfach drauf hat. Räum deinen Arbeitsplatz gefälligst auf, Wolfram! Nur so nebenbei gefragt: Wer nennt sein Kind denn bitte vor 16 Jahren noch Wolfram?
Diese beknackten Zehntklässler. Ich habe auch schon Probleme gehabt. Zwei Schüler wollten nicht machen, was die Mehrheit sich als Thema gewünscht hat. Ich mochte es auch nicht, aber demokratisches Prinzip ist demokratisches Prinzip! Serviettentechnik, jeder vernünftige Kunstlehrer speit die Technik an! Bäh! Ich konnte die zwei Coolnessbolzen also verstehen. Allerdings gab es eine kleine Meuterei mit Arbeitsverweigerung, woraufhin ich aus dem Bauch heraus entschied, sie sich selbst einen Arbeitsauftrag nach ihrem Gusto suchen zu lassen. Gewagt, gewagt, ruft der Klassenlehrer, die wollen eh nur rauchen! Steffen und Janis gehen zum Hausmeister und fragen ihn nach Gestaltungsmöglichkeiten (ich hatte ihnen dazu geraten) und siehe da, er hat zwei Wände zu streichen, sinnstiftend und bewertbar! Jetzt machen die zwei Unruheherde Malerarbeiten, während der Rest der Klasse mir bescheinigt, ich sei viel zu lieb, ich solle mal härter durchgreifen und drohen, ach ja und außerdem wollten sie gerne, dass ich mit ihnen auf Klassenfahrt nach Berlin fahre. Ich hab nur gelacht und gesagt, das wäre dann doch jetzt zu offensichtlich, WARUM sie mich wollten!
Ich bin zuweilen traurig über mich selbst. Weil ich einfach nicht stark sein kann oder positiv oder unehrlich oder sonst was. Meine Kollegin Hettie hat mich angemuckelt, indirekt, dass ich mir mehr zumuten würde, als ich schaffen kann. Jeder andere Mensch würden sagen, geht nicht, sorry! Nur ich würde versuchen alles zu schaffen. Man müsse mich ja vor mir selbst schützen. In der Steuergruppe der Stammschule hat sie das so nebenbei fallenlassen und wundert sich darüber, dass ich so nachdenklich wirke. Nein, sie wundert sich nicht, sie ist ehrlich überrascht, dass es sensible Naturen gibt, die sich aber nicht schützen lassen wollen, die das einfach unangebracht finden! Und ich bin nicht mal so forsch, etwas dagegen sagen zu können. Ich sage nur: Hast ja Recht Hettie! NEINEINEINEINENEN, nix hast du, du hast ja keine Ahnung, wie kacke man sich fühlt, ständig das wenig erhebende Gefühl in sich zu tragen, etwas Falsch zu machen und die Schüler schauen dich ratlos an und sie nicht gut vorzubereiten auf alles, einfach alles. Ich müsste noch das und das und das. Aber ich mache das nicht, weil ich Familie habe und weil ich gerne Zeit habe zu lesen und oh Himmel, was lese ich gerade für Schund (schon wieder). Mehr als jemals zuvor teile ich jetzt strikt zwischen Arbeit und Zuhause sein. Ich bereite effektiv im Minimum am Sonntag die Inhalte der kommenden Woche vor und lasse manchmal auch was aus oder bin faul. Es ist alles ok, ich bin NICHT überarbeitet.
Aber schlecht fühle ich mich deswegen. Und dann kommt Hettie im schlecht sitzenden Kassettkleid, stampft auf mich zu und kräht von der Seite weg: SACH MAL, MIT MIR REDEST DU WOHL NICHT MEHR WAS?
Ich hätte sagen sollen: Nee, grad keinen Bock, Hettie! Und dann hätte ich in ein Heißmacherwürstchen beißen sollen. Ich bin mickrig.
So, jetzt muss ich aber noch den Unterricht… naja…
Bald darauf voll in Weihnachtsstimmung:
Jingle hell, jingle hell, blablablabla…
Mal wieder in Virenstimmung, die alte Frau Enn. Immer wenn es wieder schlechter geht mit meiner Gesinnung lese ich ja bekanntermaßen Kästner und höre Owen (ausschließlich das Debut) und sehne mich nach einem Platz ganz nah an Mutterns Busen. Nicht, dass meine Mutter mich jemals von sich aus an ihren Busen gedrückt hätte, ich wurde nicht mal gestillt! Fluchtphantasien! Platz da, Nebel, weg da, sehnsüchtiger Blick unter der Bettdecke hervor ins Nichts. Die Welt hat mich wieder, ich habe keine Kopfschmerzen mehr! Das vergangene Jahr war so beschissen und hat mich so viel Kraft gekostet, dass ich hier und jetzt an diesen von mir immer vollauf ignorierten Jahreswechselhumbug glaube und diesen auch zu zelebrieren gedenke! Weg da, ehemännliche Herzprobleme, husch, ihr Schulsorgen und verpönten Selbstzweifeln, ab ins Körbchen, ihr bitteren Erziehungsfragen und weggefegt die traurigen Gedanken. Gestern sagte ich zum Gatten: Scheißjahr, das und ab jetzt heißt es: Frau Enn, nur noch in lässig, lustig, organisiert und entspannt! Nicht mehr jammern und klagen und nachdenken und zweifeln, machen! Und nicht mehr so viel labern! MACHEN!
Zum Halbjahreswechsel wurde man eher stiller:
Mein gesamtes Leben und die Nebenstrecke verläuft verkniffen höhepunktarm. Rechtschreibunterricht und technisches Zeichnen. Zeugnisse und massenhaft Berichte über die kleinen Strolche.