Landesdelegiertenkonferenz

Landesdelinquentenkonvergenz sagt mein Gatte, er findet es nicht so praktisch, dass ich zwei volle Tage nicht da bin. In echt heißt es allerdings Landesdelegiertenkonferenz. Wo gings hin? Was ging ab?
Wir sind in der Landeshauptstadt in einem riesigen Hotel mit krassem Konferenzsaal. Wir konferieren, dann gibt es einen Festakt, dann schläft man in seinem Hotelzimmer und dann konferiert man zu Ende.
Natürlich langweile ich jetzt niemanden mit den tatsächlichen Beschlüssen und Diskussionsbeiträgen. Ich beobachte gern und höre zu. Nach der Konferenz bin ich ein wenig geknickt, weil ich keine lautstarke Kämpferin bin, sondern im Vergleich zu anderen Delegierten nur leise murmele oder mit Mimik zeige, was ich denke. Vielleicht brauchen alle Systeme beides und noch viel mehr, um stark zu sein. Aber ich wünsche mir für die Gewerkschaft noch mehr Stimme und Gehör. Vielleicht kommt meine Zeit noch, wer weiß.
Auf jeden Fall sind das immer zwei Tage voller Diskussionen, Abstimmungen, Zustimmung wie Ablehnung und ein Sammelpunkt neuer und alter Forderungen an die Bildungspolitik.

Ich denke über die Wortbeiträge von Politiker*innen nach. Beim Festakt zum 75. Geburtstag der Gewerkschaft wurde schon auch ein wenig geschwafelt. Wie das eben so ist. Das sage ich jetzt lächelnd.
Muss das sein, fragt ein Delegierter, dass man gerade den Politiker*innen Redezeit einräumt, die Bildungspolitik seit vielen Jahren nicht so in den Fokus nehmen, wie die Gewerkschaft es fordert? Da frage ich mich, warum zu solchen Veranstaltungen überhaupt Vertreter*innen aller demokratischer Fraktionen eingeladen werden. Kann man nicht, so fragt der Delegierte weiter, besser Bildungswissenschaftler*innen einladen, die unsere Debatten bereichern? Ich notiere mir in mein Beobachtungsbuch: Was ist mit Bildungsaktivist*innen? Kann man nicht ihnen auch Raum bieten für ihr Engagement?

Sowieso wird ständig betont, wie überaltert die Gewerkschaft ist. Das führt schon soweit, dass es Wortbeiträge gibt, in denen sich Mitglieder der LDK darüber beschweren. Es scheine so, als hingen alle Geschicke der Gewerkschaft an jungen Gewerkschaftsmitgliedern, die ohne jeden Zweifel zwar auf die Gewerkschaft aufmerksam gemacht werden sollten, deren Gewinnung aber doch allein richtungsweisend nicht sein könne. Gewerkschaft, das sind wir alle. Mit Blick auf die vielen Menschen, die sich aktiv und mit Schwung an GEW-Aktivitäten beteiligen, verstehe ich diesen Einwand. Und mir fällt ein, warum ich als Studierende in die GEW eingetreten bin. Da gab es diese eine Veranstaltung, die mich interessierte, inhaltlich. Man merkte am Flyer die Begeisterung für die Sache, die kritische Haltung und die Gemeinschaft. Davon wollte ich Teil sein. Ich wollte das Fortbildungsangebot natürlich auch günstiger nutzen. Und so eine Rechtschutzversicherung ist immer sinnvoll. Aber im Kern waren es die pädagogischen Inhalte, die mich faszinierten. Ich komme nicht aus einer Gewerkschafterfamilie, ganz im Gegenteil, katholisch und erzkonservativ, das sind meine Wurzeln. Mein Vater hat sein Arbeiterdasein immer versteckt. In der Gewerkschaft fühlte ich mich damals verstanden. Heute immer noch! Mein leiser Vorschlag also: Mit Inhalten, mit Präsenz, mit Haltung überzeugen und Stand halten. Gerade an der Uni, gerade mit Kooperationen zu Jugendorganisationen und immer vor Ort. Von weitem winken bringt nichts.

Ich gönne euch eine kurze Pause und schwärme euch nun vor, dass die Organisation und vor allem das Essen superduper waren. Ich gebe es zu, Essen ist für mich wichtig! Und bei dieser echt anstrengenden Veranstaltung gibt es immer tolle Häppchen, ausgewogene Mahlzeiten und viel Seelenbalsam durch gute Gespräche beim Essen.
Einmal stelle ich mich an einer Schlange an und ein mir nicht bekannter Kollege (da hängen ja über 200 Leute rum aus dem ganzen Bundesland) meckert ein bisschen darüber, Schlange zu stehen. Ich grinse und antworte: Da bist du bei mir leider falsch, ich bin die geduldigste Person der Welt. Man kann sowas ja nutzen, um sich gut zu unterhalten. Also unterhalten wir uns und wir bemerken gemeinsame Themen und quatschen bis zum letzten Löffelchen Nachtisch. Das war schön.

Kennt hier irgendjemand die Serie Sex Education? Der Inhalt ist hier unerheblich, aber so eine Landesdelegiertenkonferenz erinnert mich voll an die Haltung und den Respekt des Cavendish College aus der 4. Staffel der Serie. Es wird konsequent entgendert gesprochen, Vielfalt ist grundsätzlich gelebte Kultur, Antirassismus als Arbeitsauftrag nimmt einen sehr großen Anteil der Debatten und Anträge ein. Demokratie mal so vollumgesetzt und nachvollziehbar. Das gefällt mir, auch wenn es oft dieselben Kolleg*innen sind, die mit Wortbeiträgen glänzen und auf ihren Standpunkten beharren. Also lege ich zwischendurch auch mal den Kopf auf den Tisch oder pelle meine Orange, während ich die Glitzeranhänger an den Saallampen observiere. Aber Obacht, da tänzelt immer wieder ein Fotograf mit Teleobjektiv durch die Reihen. Benimm dich, Frau N. mit der Delegiertennummer soundso.

Nicht alle Wortbeiträge von Offiziellen waren übrigens überdenkenswert. Absolut überragend aus meiner Sicht war die Gesprächsrunde mit den ehemaligen Landesvorsitzenden der GEW. Ich saß während der gesamten Konferenz hinter zweien der ehemaligen Vorsitzenden und ich hätte am liebsten die Ohren gespitzt, weil sie sich immer Kommentare zugeflüstert haben. Und das finde ich nun doch extrem interessant, wie ehemalige Funktionäre das derzeitige Treiben kommentieren würden. Manchmal sind sie belustigt und manchmal mürrisch. Oft dreht sich einer der beiden um und erwartet, dass man ihm sofort zuhört und natürlich zustimmt. Sie murren auch oft und der eine sagt auch gern mal laut in den Saal hinein, was er denkt oder wie unsinnig er etwas findet. Er ist der Einzige, der sowas macht und ein bisschen darf er das auch, bei dem, was er alles schon so erlebt hat. Einmal geht es um eine Satzungsänderung und die Zwei vor mir witzeln herum und lachen: Na, das wird jetzt die Welt verändern!

Als Superfühli sind mir Wortbeiträge, bei denen recht aggressiv ins Mikrofon geblökt wird, oft zu heftig, und ja, das hat was mit mir zu tun, aber abends beim Festakt merke ich, wie man mit Nachdruck und Leidenschaft Forderungen stellen kann, ohne den Verlust von Empathie und Zugewandtheit. Der eine ehemalige Vorsitzende hält eine Brandrede zur Überwindung des Neoliberalismus, zu Entspannungspolitik, zur Friedensbewegung, zur Bildungsfinanzierung, zu allem und das in 10 Minuten. Ich bin gefesselt, begeistert, geplättet und er strahlt in die Menge. Die heutige Metapher des Tages: dicke Bretter bohren.

Abends wandere ich ein bisschen herum. Wie immer fühle ich mich ein bisschen verloren, das ist also ein bekannter Zustand. Dann traue ich mich, den Lieblings-Ehemaligen-Vorsitzenden anzusprechen. Wir reden lang, Menschen kommen dazu, dann rede ich lang mit seinem ehemaligen Pressesprecher und Landesgeschäftsführer. Ich machen einen Abstecher zum stellvertretenden Vorsitzenden und beobachte dann noch die Lehrer*innen-Karaoke-Disco (nur eine Ausnahme, weil die GEW Geburtstag hat). Bei Hurra-Hurra, die Schule brennt, kommen gerade unbeteiligte Hotelgäste in die Lobby. Sie blicken auf die Banner, die singenden Leute und die Häppchen und beginnen zu grinsen. Das wiederum macht mich sehr froh.

Am nächsten Morgen strahlt mich der Lieblings-Ehemalige-Vorsitzende an, während ich die neuen Änderungsanträge in meinen Antragsordner sortiere. Hast du einmal den Überblick verloren, bist du verloren. Während der gesamten Sitzung kommen immer wieder veränderte Anträge rein, die du über die alten heften musst, damit du weißt, welche Version jetzt gültig ist.

Ich denke oft: Was ich nicht weiß, ist so viel. Dann frage ich mich, ob es anderen auch so geht. Gerade bei all den Anträgen. Manchmal bin ich unsicher, wofür ich mich entscheiden soll, Annahme, Ablehnung oder Enthaltung, denn gerade nach der Aussprache, wenn also Antragstellende und Kommentierende noch was zum Antrag gesagt haben, kommen für mich noch viele Aspekte hinzu, die es zu bedenken gilt. Da brummt einem schnell der Kopf. Schon geht es los mit den Anträgen und der Lieblings-Ehemalige-Vorsitzende dreht sich zu mir um, ich möge jetzt sofort bitte die Hand heben. Ich aber möchte mich enthalten. Also sage ich: Bitte keine Beeinflussung hier, ja? Und er antwortet: Aber ganz bestimmt Beeinflussung, was denn sonst? Darum geht es ja. Das nenne ich mal entwaffnend.
Abgelehnt, zugestimmt, Änderungsantrag, GO Antrag, Abstimmung, Votebox, Karte heben, Gegenrede, Verfahrensvorschläge, Präsidium, Pause. Ich höre zu, futtere, reibe mir die müden Augen, höre zu, trinke Kaffee, lächele, futtere, nicke, halte Karten hoch, drücke Knöpfe auf der Votebox, kippe Kaffee nach, futtere, beäuge mein Wasserglas argwöhnisch, beobachte, höre zu, lege den Kopf ab, fiebere mit, futtere, bin aufmerksam, bin unaufmerksam und dann futtere ich schnell was. Ich schreibe dem Gatten: Ich zerbrösele zu 83 kg kleine Häppchen, die vom Koffeinmissbrauch bedenklich aufgeweicht sind. Ich bin eine körperlich instabile Masse Wissen mit bedenklicher Halbwertszeit.

Muss man eigentlich diese gewisse Redefreizügigkeit und Mikrofonmagnetismus vorweisen für aktive Gewerkschaftsarbeit? Absolut nicht, aber es ist wie in der Politik, gut vorbereitete und mit Empathie und Leidenschaft vorgebrachte Redebeiträge leiten Debatten und stimmen über Tendenzen ab. Sie wirken nach in unseren bildungspolitischen Gedanken.

Ich denke an einzelne Redner, die sich auch nach dreimaliger Ermahnung, was die Länge des Beitrags angeht, nicht aus der Ruhe bringen lassen bei der Rede für ihr Ding. Ich höre Wörter wie Buchstabengläubigkeit, höre den Aufruf über Protest und Kampfformen nachzudenken, ich denke darüber nach, dass der Ruck von rechts voll in der Schule angekommen ist, wer das nicht merkt, merkt gar nix, Ambiguitätstoleranz, darüber muss ich nachdenken, ich pelle mir noch eine Orange und finde, dass Demokratie spitze ist. Das Wort des Tages ist ganz unstrittig: unstrittig, da sind wir uns einig! Das war eine gute zukunftsweisende Veranstaltung.

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