Ein anderer Abschied

Ich halte gerne Reden. Und an meiner neuen Schule (an der ich aber schon seit Jahren arbeite) werde ich nicht allzu viele Gelegenheiten dazu haben. Heute gehen mir viele Gedanken zum Thema Bildungsgerechtigkeit, Chancengleichheit und Selbstreflexion durch den Kopf. Wenn ich Reden halte, lege ich leidenschaftlich los und, laut Mutmaßung meiner Logopädin, wird wohl kaum einer lange zuhören, da ich zu schnell spreche, selten Luft hole und nicht prägnant spreche. Ich arbeite daran, nur nicht jetzt, jetzt muss eine andere, neue Rede her.

Versetzung an die Regelschule

Ich beschäftige mich seit Jahren schon mit der Frage, warum man sich als Sonderpädagogin an eine Regelschule versetzen lassen sollte. Wenn ich die Kolleg*innen an der Regelschule frage, antworten Sie: Weil du zu uns gehörst. Die Kolleg*innen an der Förderschule sagen das auch, aber sie sagen auch zwischen den Zeilen, dass ich mich wohl weiter entwickele, aufsteigen will. Warum drücken sie das so aus? Warum gibt es die Vorstellung, da sei eine Hierarchie? Zumal beide Gruppen vom jeweilig anderen Job sagen: Das könnte ich ja nie!

Ich derweil glaube ja, dass ich exakt dasselbe mache wie vorher, nur unter anderen Bedingungen. Und für mich passt das gut. Ich arbeite mit Kindern, die verschiedene Lernbedürfnisse haben. Eine veränderte Bedingung ist, dass der Förderschwerpunkt, der in Deutschland gern kategorisiert und per definitionem festgelegt werden muss, in der Inklusion an Bedeutung verliert. Die Grund-Bedingung in der Inklusion ist eine heterogene Schul- und Klassengemeinschaft. Und darin gibt es Kinder mit ganz individuellen Bedarfen. Ich bin also nur bei der Feststellung der sonderpädagogischen Kategorien dazu gezwungen, eine Schublade zu öffnen, darüber hinaus eigentlich fast nicht mehr. Ich bin für alle da, die in besonderen Lernsituationen Hilfe brauchen.

Bedingungen an der Förderschule

An der Förderschule hängt es von der jeweiligen Kategorie ab, wie gefördert wird. Schließlich hat jede ja einen Schwerpunkt. Wer allerdings denkt, da könne man klar unterscheiden, warum welche Kinder auf die eine und auf die andere Förderschule gehen, der irrt. Ich habe in all meinen Jahren als Lehrkraft an Förderschulen viele mögliche Schulwegebiographien gesehen. Eigentlich gibt es keine Trennschärfe, es sei denn, man denkt sich eine aus und tut so, als wäre sie fair und nachvollziehbar, wie zum Beispiel den Intelligenzquotienten eines Menschen.

Sind sich Sonderpädagog*innen eigentlich bewusst, dass sie mit klaren Zuordnungen zu Förderschulen und zu Förderschwerpunkten auch immer die spätere Arbeits- und Lebenssituation einer*s Schülers*in mitbestimmen?

Ich habe noch Kontakt zu vielen ehemaligen Schüler*innen meiner vormaligen Stammschule. Daher denke ich, dass ihre Geschichten besser erklären können, wie ich das meine mit der Beeinflussung der Lebenssituation.

Kevin war einige Zeit in meiner Klasse, ich habe ihn mit einer flammenden Rede aus der Schule verabschiedet und seitdem treffe ich ihn öfter mal beim Einkaufen. Er hat meine Handynummer bekommen und seitdem habe ich wacker jeden Morgen eine Nachricht von ihm auf dem Handy. Angefangen hat dieser Austausch mit einer Sprachnachricht von ihm. Ich schrieb damals zurück, extra leicht und mit Smiley: Hallo, lieber Kevin! 🙂
Daraufhin erhielt ich die Textnachricht: Hallo lieder olly! Und danach sprach er mir die Nachricht auf, er könne nicht so gut schreiben und deshalb mache er lieber Sprachnachrichten. Ich habe mich erstmal geschämt, ihn in eine solche Situation gebracht zu haben. Dann habe ich lange darüber nachgedacht, ob es nicht meine Aufgabe gewesen wäre, ihm das Schreiben so beizubringen, damit er sich auch schriftlich mitteilen kann. Am Ende dachte ich, er habe die Situation ja souverän gelöst. Weil er sich mitgeteilt habe. Und trotzdem lässt mich der Gedanke nicht los, dass er viel mehr hätte auch lesen und schreiben lernen können. Im Unterricht an der Förderschule konnte ich einen passend für ihn individualisierten Lese- und Schreibunterricht nicht anbieten, da in der Klasse noch 7 andere Kinder waren, die alle unterschiedlich weit im Lernprozeß waren. Ich habe Deutschunterricht gemacht, aber eben an der Mitte orientiert.

Emma schreibt mir auch jeden Tag. Da sie weder wirklich schreiben kann noch sprechen, ist sie darauf angewiesen, dass ihr jemand Nachrichten vorliest oder eine Antwort formuliert. Aber sie kopiert gängige Nachrichten und verschickt sie, nachdem sie den Namen ausgetauscht hat. Das finde ich sehr pfiffig von ihr. Manchmal schicken wir auch einfach Bilder hin und her. Während ihrer Schulzeit bei uns wurde ein Talker eingesetzt, aber sie tat sich schwer damit, Lesen und Schreiben waren nicht wirklich anzubahnen, da sie über keine Lautsprache verfügt, aber haben wir alle Möglichkeiten versucht? Haben wir spezielle Trainingsprogramme eingesetzt? Nicht, während sie in meiner Klasse war.

Jonas war nie in meiner Klasse. Ich habe ihn vor kurzem in der Stadt getroffen. Er erzählte mir, dass er einen Job in einem Subunternehmen für einen Autohersteller hat. Und zweifacher Vater sei er. Damals, als er die Schule verließ und dabei deutlich machte, er wolle keinesfalls in die Werkstatt für Menschen mit Behinderungen, da waren alle der Meinung, dass er einen Fehler begeht, wenn er das nicht in Betracht zieht. Denn die Werkstätten, die freuen sich ja immer, wenn sie fitte Beschäftigte bekommen, wie es so schön hieß. Immer wurde von fitten Schüler*innen gesprochen.

Und die zwei Schüler*innen, die immer viel Ärger machten in der Schule, die wirklich aggressiv waren und ablehnend, als sie die Schule in Richtung Berufsschule verließen, da habe ich mich schon gefragt, wie es sein kann, dass sie überhaupt zu uns müssen, wenn sie es doch überhaupt nicht wollten. Es hat damals übrigens nicht geklappt an der Berufsschule für die eine Schülerin. Wohl aber für den Schüler. Der war dann überhaupt nicht mehr auffällig.

Amina ruft mich regelmäßig an Heiligabend an. Sie hatte vor einiger Zeit ihr Coming out. Ich habe mich gefragt, ob wir in der Schule eine Zeit mit gutem und umfangreichem Sexualunterricht und offener Haltung jedweder sexueller Orientierung angeboten haben. Oder eben nicht.

Und Alex hat Jahre nach seiner Entlassung bei uns lange Zeit mit sich gekämpft. Er beschreitet jetzt den Transweg und redet offen darüber. Als Schüler*in einer Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung bist du oft weit weg von Cliquen, Gruppen Gleichgesinnter und auch von Erfahrungen. Du hast weniger Rolemodel und auch um dich herum weniger Input, was diese speziellen Fragen angeht. Haben wir Geschlechtsidentität überhaupt mal thematisiert? Wie präsent ist geschlechtliche Vielfalt überhaupt an Förderschulen?

Ich habe gleich gemerkt, dass es nicht richtig war, als ich Jacob traf und das Erste, was ich frage, ist, wo er gerade arbeitet. Er antwortet: In der Shishabar und er zeigt etwas ungezielt in eine Richtung. Ich weiß, dass er dort nicht arbeitet. Und mir wird schlagartig klar, dass er natürlich lieber lügt, als beschämt zuzugeben, dass er keine Arbeit hat und deshalb in der Stadt rumfährt. Er hat keinen familiären Rückhalt, er hat die Werkstatt für Menschen mit Behinderungen auch abgelehnt, er hat früher schon versucht, krampfhaft Kontakt aufzunehmen, zu den anderen, zu denen, die nicht auf Förderschulen gehen. Wie hätte man ihm helfen können, seinen Lebensweg erleichtern können?

Abschied von der Förderschule

Natürlich ist auch bei meinem Abschied an der Förderschule klar geworden, dass wir (aus Lehrer*innensicht) viel Spaß hatten, eine schöne Zeit, tolle Erlebnisse und dergleichen und diese Dinge sind wichtig. Aber was haben wir alles nicht gemacht, was aus Schüler*innensicht wichtig gewesen wäre? Was brauchen sie, um an der Gesellschaft teilzuhaben? Aus dem Studium gleich an die Förderschule ins Referendariat und von da aus gleich an der Förderschule bleiben. So ungefähr sah das bei den meisten meiner Mitstudierenden aus. Bei mir auch. Und auch jetzt noch begegnet mir an der Uni der überwiegende Wunsch der Studierenden im Förderschwerpunkt gE Klassenleitung in der Förderschule zu sein.

Wir waren damals alle überzeugt davon, dass ein Schonraum gut ist. Gut, um diese Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, vor dem Ungemach der Gesellschaft zu schützen, um ihnen eine tolle Schulzeit zu ermöglichen, wo sie sich wohlfühlen können, sie selbst sein können. Das war so, bis ich in der inklusiven Schule merkte, dass sie es dort auch können. Und dass sie zudem lernen, sich in einer heterogenen Gruppe wohl und sicher zu fühlen. Dass ihre inneren Kämpfe mit Lernschwierigkeiten und dem Anderssein dort genauso aufgefangen werden können wie an der Förderschule mit dem Unterschied, dass sie dies in der Gemeinschaft tun und darin auch gemeinsam reflektieren können.

Und das ist der Grund, warum ich mir wünsche, dass Inklusion als pädagogische Grundeinstellung wachsen muss. Auch und vielleicht vor allem in den Förderschulen.

Mir ist im Übrigen durchaus bewusst, dass es Kindern im Rahmen der Inklusion auch schlecht gehen kann. Aber daran sind dann die Rahmenbedingungen schuld. Es sollte keine Legitimation für Sonder-Einrichtungen sein.

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