Abschied

Ich hatte just meinen letzten Schultag an meiner bisherigen Stammschule, einer Förderschule. Eigentlich wollte ich nicht gehen, aber ich kann mir einfach auch nicht mehr vorstellen, dort weiter zu arbeiten. Ich war jetzt 8 Jahre abgeordnet in eine inklusiv arbeitende Gesamtschule. Abschiednehmen ist für mich nicht leicht. Da sind zu viele Emotionen im Spiel, mit denen ich nicht umgehen kann. Das hat sich schon gezeigt, als ich mehrere Male vom Förderschulrektor darauf angesprochen wurde und ich jedes Mal in Tränen ausgebrochen bin.

Abschied, Verabschiedung, Versetzung, neue Schule, aber auch bessere Kreise, höhere Sphären, das hörte ich und ich habe immer nur den Kopf geschüttelt. Schade, dass es so sein muss, dass es noch ein hier und dort gibt, dass Menschen sagen: Muss ja jeder selber wissen! Ich will mich gar nicht damit beschäftigen, dachte ich. Aber es arbeitet doch in mir. Schließlich war ich eine lange Zeit dort an der Förderschule und habe viel Schönes erlebt und tolle Menschen kennengelernt. Und dann will ich nicht weiterdenken und mich auch nicht mit einer Abschiedsrede beschäftigen. Die nun folgende habe ich nicht selbst geschrieben, lest selbst:

Liebe Kollegen,

ich möchte mich heute von euch verabschieden, da ich meinen Lebensabschnitt beende und mich auf neue Herausforderungen vorbereite. Ich möchte mich bei jedem Einzelnen von euch für die unvergesslichen Erfahrungen, die wir zusammen gemacht haben, bedanken. (Schlimm, oder? Bitte weiterlesen!)

Ich werde die gemeinsamen Projekte und Unterrichtsstunden, die wir geplant und durchgeführt haben, immer in Erinnerung behalten. Ihr habt alle auf eure eigene Art und Weise dazu beigetragen, dass ich mich als Lehrer entwickeln und wachsen konnte. (Da will man doch schon eingreifen…)

Ich werde die Kollegialität und den Teamgeist, den wir in unserem Lehrerkollegium erlebt haben, vermissen. Ich bin dankbar dafür, dass ich Teil dieser wunderbaren Gemeinschaft sein durfte.

Ich wünsche euch allen alles Gute für die Zukunft und ich hoffe, dass wir uns irgendwann einmal wiedersehen werden. Vielen Dank für alles und auf Wiedersehen.

Wer mich kennt, kratzt sich nun verwundert den Kopf. So eine Rede von Frau Enn? Sie, die das Kollegium unzählige Male mit schmissigen Reden gequält hat? Das eine mal mit  dem Tütü und der Wette? Oder die Werbeeinlage für die Bügelfirma?
Eine Abschiedsrede – von mir. Ich habe regelrecht Angst davor. Deswegen haben eine Kollegin und ich die Künstliche Intelligenz Chat gpt beauftragt eine Rede zu entwerfen! Sie hat nicht gegendert, also haben wir das nochmal ausdiskutiert und sie denkt darüber nach.

Für mich ist eigentlich folgende Rede passender:
Ich mag jetzt nicht so rumschwafeln, besser sind jetzt die Top 5 der schönsten Momente, die ich hier hatte:

Nr. 5

das Vorstellungsgespräch, wo ich Frau Ströhle, die Schulleitung, auf dem Schulflur mit der Sekretärin Frau Danhäger verwechsle, sie mich deswegen angiftet und ich denke: Oha?!

Nr. 4

Stellvertretend für alle Situationen, in denen ich gelernt habe, umzudenken: wo mich Denny, der pädagogische Mitarbeiter in meiner neuen Klasse, relativ bald darauf hinweisen muss, dass wir neben dem Lernen auch zusammen Spaß haben, Roller fahren, was spielen und uns auch mal entspannen im letzten Block und ich daraufhin ein Zeugnis für ihn erstelle, wie gut er entspannen kann

Nr. 3

Stellvertretend für alle schönen Momente in meinen Klassen:
wo ich in der letzten Pause in Maikes Pflegebett einschlafe und die Kinder nach der Pause nicht besonders leise überlegen, ob sie mich wecken sollen. Ich glaube, Maike ist dann gegen das Bett gefahren und hat angefangen zu lachen.

Nr. 2

Stellvertretend für alle schönen Sachen, die wir Kolleginnen zusammen erlebt haben: am letzten Schultag vor den Sommerferien, als Herr Radusch so mitten im Prä-Feriengerumpel „Vergiss dein Sportzeug nicht, du hast dein Zeugnis liegen gelassen, wo ist eigentlich das Klassenbuch?” eine Flugbegleiter*innenansage abgespielt hat über die gesamte Schullautsprecheranlage. Als Verabschiedung für eine Kollegin war das gedacht und ich habe den Vibe voll gespürt, innegehalten und mich schlapp gelacht.

Nr. 1

Als unser vormaliger Konrektor Wolfgang auf irgendeinem Fest mit meiner Schülerin Lara Klavier gespielt hat, sie hatte in dieser Zeit bis zu 20 Anfälle am Tag und wir hatten riesige Angst um sie. Sie aber wollte Klavier spielen und drückte kraftlos auf die Tasten und Wolfgang begleitete sie, passte sein Spiel an ihre Töne an und es entstand eine total schöne Melodie.

Und das ist auch die Essenz unserer Arbeit. Wir Sonderpädagog*innen schaffen es in ganz besonderer Weise das Lernen und gemeinsam Leben an die Bedürfnisse und Lebensumstände der Schüler*innen anzupassen. Das, was wir damit zu schaffen versuchen, ist ein Vertrauensgerüst, das Lernen möglich macht.
Und das ist schlicht und ergreifend der Grund, warum ich die Schule wechsle. Diese Art mit Kindern zu lernen muss vielmehr auch in den Regelschulen ankommen. Nicht alle brauchen immer einen individuellen Blick und individualisierten Unterricht, aber wenn ein Kind ihn braucht, dann sollte auch jemand da sein, der sich genug Zeit nehmen kann dafür; dann sollte es jemanden geben, der nicht noch alle anderen Kinder mit im Blick haben muss. Inklusion heißt nicht gleich machen, es heißt alle sehen in ihrer Vielfältigkeit.

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