Discoparty bei der Konkurrenz

Ich komme gut gelaunt und euphorisiert von der Discoparty der Konkurrenz. Schon beim Fahrradanschließen staune ich nicht schlecht. Denn man hört gut gelauntes Kindergeplapper. Auf dem Weg in die Schule halte ich verwundert drei Fünftklässlerinnen an: Sagt mal, kostet das hier Eintritt? Klar, 1 Euro, kieksen die Kinder. Ich bin verblüfft: Und noch was, äh, seid ihr ganz freiwillig hier? Oder muss man? Jetzt sind die Kinder verwirrt: Äh, natürlich freiwillig… und sie rauschen ab. Ich zahle den Eintritt, denn man sagt ja nicht solche Dinge wie: Also wir stehen ja auf der Gästeliste, wir sind Kumpels vom Konrektoren! Außerdem lassen wir uns zu Recherchezwecken nicht lumpen, die 2 Euro zu zahlen.

In der Schule nimmt meine Überraschungsreise ihren weiteren Verlauf. Alle zwei Meter gibt es Futterstände. Ich halte wieder zwei Kinder an, sie haben einen Hauch von Make up aufgetragen und haben es offenbar eilig. Sagt mal, kriegt ihr das hier umsonst, die Zuckerwatte da? Nö! Rufen sie und rennen weiter, gerade als ich fragen will, was sie hier so den ganzen Abend machen. Offenbar jagen sie ihrem Glück hinterher. Sehr viele Schüler:innen tragen Weihnachtsbekleidung oder Schlafanzüge. Machen die in der Schule auch noch Übernachtung? Ich kann und will das nicht annehmen. Sie nennen es Saftparty und es wird ein bis zweimal im Jahr veranstaltet. Zuckerwatte, Crêpes, Waffeln, kandierte Äpfel, sogar ein Kuchenverkauf. Alles konnte ich mir nicht ansehen, weil tatsächlich viel los war. Da liefen sogar Eltern herum. Lichterketten, Horden von Kindern am Handy, Massen von singenden und tanzenden Schüler:innen. Dann geht es los, das Geballer, die Lehrkräfteband der Schule. Atmosphärisches Licht und die Studienrät:innen betreten die Bühne. High Life in Tüten, es geht sofort rockig los. Aber dann kommt Frau Schmitz auf die Bühne. Die Kleinen rasten aus, ich schreie auch ein bisschen mit, sie sieht nett aus und sie singt eins meiner Lieblingslieder, Don‘t stop believin’ von Journey. Sehr kraftvoll und überzeugend. Die Aula flippt aus! Ist sie Referendarin? Lehrkraft des Monats? Egal, ich singe mit und wünsche mir sofort auch eine aktive Lehkräfteband an meiner Schule.
Da, ein Song mit Bläser! Die Lehrkraft wird ausnehmend bejubelt. Unser Kumpel, der Konrektor, spielt schüchtern jeden Song akkurat an der Gitarre immer so zur Band gewandt und nicht nach vorne. Aber dann kommt sein Moment. Er spielt Gitarre und macht die vocals bei einem Deathmetalsong und ich beobachte die Reaktionen der Schüler:innen um mich rum. Es ist herrlich. Gerade noch haben sie Handytaschenlampen gewedelt, jetzt stehen sie fassungslos wippend vor der Bühne und staunen sich gegenseitig stupsend an. Eine Jungsbande skandiert des Konrektors Namen. Des Konrektors Frau steht neben uns und hat alles gefilmt. Vor mir klaut ein Siebtklässler das Handy einer großgewachsenen Gleichaltrigen. Sie guckt nur genervt und hat so gar nicht vor, hinter ihm herzujagen. Sein nächster erfolgloser Einfall, jetzt sehr oft vor ihren Augen ihren Sperrcode falsch einzugeben, quittiert sie mit einem brummigen Es reicht jetzt, Niklas! – Jaja, das kenn ich! Das dauert noch zwei Jahre, bis sich das legt.
Die Hälfte der Songs kenne ich nicht, aber das muss nichts heißen. Mir gefällt die motivierte Frau auf dem hinteren Teil der Bühne. Sie springt herum und schmeißt sich ins Tambourin, das nenne ich mal Hingabe. Wenige Male spielt sie Keyboard, ansonsten ist sie wohl die Spaßkanone. Es gibt Liebesduette und alte Schmonzetten, Feel Good Hits und Queen und ABBA. Das Publikum quatscht und applaudiert etwa in derselben Lautstärke. Kinder rufen sich gegenseitig während des Konzerts an. Es bleibt unverständlich.

Es gibt sogar drei Zugaben. Da beißt die Maus keinen Faden ab!

Am Ende gratulieren wir dem Coolness-Konrektoren für die gelungene Vorstellung und brausen mit den Rädern nach Hause. Währenddessen erzählt mein Mann munter, welche Lehrkraft er noch kennt von der Schule. Ja, und die ist im Unterricht voll der harte Hund, keine Gefangenen, Mathe-Forder, kein Spaß, nicht im Geringsten! Wie bitte? Aber die ist da vor Freude und Enthusiasmus doch fast geplatzt? Das Gymnasium, ein Ort der Freude?

Leider ist das hier ja voll nicht meine Schulform. Ich kann verstehen, warum Eltern und Lehrkräfte das gut finden, man sortiert sich die passenden raus. Das ist natürlich angenehm. Ich mag meine Schule lieber. Trotzdem kämpft auch das Gymnasium mit der Herausforderung Heterogenität. Unsere ist zukunftsweisender, weil wir lernen, mit Heterogenität besser umzugehen. Denke ich.

Ich wünsche mir für meine Schule auch so ein tolles Event, mit Tradition und Spaß und Mitarbeit und Motivation und Lichterketten. Das wäre echt schön. Weil das dazu beiträgt, seine Schule mehr zu mögen und sich auch um Sachen zu kümmern. Die Kinder beim Zuckerwattestand waren schon dabei, alles zu schrubben und wegzupacken. Sie hörten dabei Musik und sangen mit. Sowas schaue ich mir gern an, bei sowas würde ich gern mitmachen! Und glaube, die Kinder würden auch gern kommen, vielleicht sogar freiwillig!

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