Frieden und dass alle Leni heißen

Falls noch jemand einen Beweis braucht, warum man als Lehrkraft unbedingt eine AG im Ganztag anbieten sollte, dann ist er*sie herzlich eingeladen, mal den Kopf in meinen Theaterclub hineinzustecken.

Alles fing damit an, dass ich Kurt beobachte, wie er in der Aula in einer Ecke mit einem Zettel hantiert und dabei immer theatralisch an die Decke schaut. Ich gehe zu ihm rüber und frage, ob er Hilfe brauche. Kurt erklärt mir etwas kläglich, er müsse bis morgen noch ein bestimmtes Lied üben – Winter Wonderland, denn er solle es mit ein paar anderen morgen beim Wintergottesdienst in der Kirche singen. „Ich kann es aber nicht, der Text ist auf englisch, der ist so schwer.“ Wir stimmen es zweimal zusammen an, dann schlage ich ihm vor: Wenn gleich die AG beginnt, dann könnten wir es zusammen üben, alle, was meinst du?“ und er nickt begeistert. Ich muss den Liedzettel aber noch kopieren. Eine Traube Kinder begleitet mich zum Kopierraum und wartet brav vor der Tür. Ich komme mir vor wie Pig Pen aus den Charlie Brown Comics, nur dass es keine Staubwolke ist, sondern ein Zauberglitzer aus Kindern, ich weiß, schleimig. Fühlt sich aber trotzdem so an. Sie quieken und plappern und warten lieb, bis sie eine Lücke zum Reinquatschen hören. Dann klingelt es zum AG Beginn.
Zufällig habe ich Mandarinen und Lebkuchen und Kekse und Süßkram mit und Kinderpunsch und Wasser. Ein Kind meint: Aaah, gut, ich wollte eigentlich lieber nach Hause, aber jetzt… und ich entgegne ihm: Du weißt ja, hier hilft nur Bestechung!

Heute soll es ein bisschen Weihnachtsstimmung geben. Ich lasse die Anwesenheit kontrollieren, heute macht das Emmi, und dann sage ich: Unser Kurt hier möchte euch kurz was fragen!

Natürlich sind alle sofort dabei und wir trällern los, bis zu einer Strophe, die ich falsch singe und wir überlegen zusammen, wie die nochmal geht. Kurt singt alleine vor, ich stimme ein, sobald ich gecheckt habe wie es klingt. Wir singen den Song dreimal durch und grinsen uns glücklich an. Als ich frage, warum wir das jetzt für Kurt gemacht haben, sagt Emmi: Weil er Hilfe brauchte und wir sind seine Gruppe, wir können helfen!

Man darf ja nicht vor Rührung in Tränen ausbrechen, also mache ich das Leise-Zeichen, das nie funktioniert und wie erwartet quatscht noch eine munter weiter. Und wie die Kinderschar auch erwartet hat, mache ich wieder Weltuntergangsgebaren und frage: Wann wird das jemals mal was mit dem Leisezeichen? Woraufhin wieder alle wild losspekulieren, natürlich laut. Ich erzähle dann noch davon, wie ich in der Schule mal vorsingen musste und versagte und mich seitdem nicht mehr getraut habe, lauter zu singen. Und die Kinder entrüsten sich sofort: Sie singen so schön, Frau Enn! Sie sind doch voll Profi, Frau Enn. Sie können es aber! Wer hat das gesagt? Welche Schule, Frau Enn? Und ich denke so bei mir: Ich habe jetzt gerade echt laut und klar gesungen und die Töne getroffen und es klang gut und es hat voll Spaß gemacht. Also rufe ich: Lasst euch nix erzählen! Singen ist wunderbar, für sich selbst, genauso wie in der Gruppe, allein oder vor Leuten. Und besser wird es nur durchs Machen! Jaaaaa, noch mehr singen, ruft es da aus dem Kreis, ich aber muss noch mehr Ansagen machen, es geht nicht anders.
Bevor wir nämlich weihnachtssnacken können, möchte ich noch nach zwei von mir nicht erteilten Doppelstunden mit den Kindern darüber sprechen, warum ich gerade nicht so einsatzfähig bin und warum wir unsere geplante Aufführung etwas nach hinten verschieben müssen.

Ich ernte keine Enttäuschungsseufzer, obwohl ich ein bisschen damit gerechnet hatte. Nein, die Kinder gratulieren mir zu dieser gelungenen Entscheidung. Wie kleine Genies heben sie die mahnenden Finger. Es sei sowieso besser, dann habe man noch etwas Zeit den Text besser zu lernen und es sei in der Vorweihnachtszeit ja auch recht stressig. Ich staune etwas. Dann kommt ein Mädchen aus dem Sitzkreis direkt zu mir und sagt: Das ist psychosomatisch bestimmt, das bei ihnen, Frau Enn, das ist es bei mir auch. Soll ich ihnen mal einen Beruhigungstrick zeigen? Und sie fährt mit einem Finger die Kontur ihrer anderen Hand nach und hält sich an ein Atemmuster, am Finger hochfahren- einatmen, am Finger runterfahren, ausatmen. Und dabei sag ich mir: Du bist absolut okay, deinem Körper geht es gut, das sagt dir nur dein Kopf!, spricht dieses wunderbare Kind mit den wilden Locken. Ich mache die Übung einmal mit und bestätige ihr, dass das wirklich toll ist und dann erzähle ich ihr, dass ich Yoga mache und da atmet man auch so ruhig und konzentriert. Aber wenn man mal drüber nachdenkt, dass so kleine zarte Wesen schon so offen und liebevoll über sich und ihre eigenen Dispositionen sprechen können, oder darüber, dass so viel mehr Kinder schon leiden unter bestimmten Problemen, das ist schon eine komische Erfahrung. Ich bin dankbar für das Vertrauen und lasse die Kinder jetzt auf das Buffett los. Wir quatschen und frage alle danach, ob sie Weihnachtswünsche haben. Wir machen Tänze in der Aula, wir hören ganz laut Last Chrismas und andere Weihnachts-Schmetter-Hits, alle singen mit. Sie spielen Stopptanz. Und die, die die Lautstärke nicht so abkönnen, die verkrümeln sich in die Vorhänge. Im Halbdunkel hören zwei über Kopfhörer ihre eigene Musik und eine liegt müde auf dem Sofa. Am Ende kommen wir alle nochmal zusammen und ich frage, im Abschlusskreis gibt es immer eine Frage, was sie sich denn nun nach all den Wünschen und Keksen und Bonbons für sich selbst, für die Welt wünschen. Schließlich handelt unser Stück von der Zukunft.

Und sie rufen hintereinanderweg die schönsten Dinge und mein Herz geht auf, weiter und weiter, die Kriege sollen aufhören, der Hunger soll aufhören, die Umwelt muss geschützt werden, die Tiere sollen beschützt werden, immer wieder Frieden, Hilfe für Kinder, die nicht zur Schule gehen können, Hilfen für Frauen in Notlagen, ich bin fast fassungslos, wie einstimmig die Kinder ihre Hände um die Welt legen, Leni lächelt und meint: Ich wünsche mir, dass alle Leni heißen! Auch die Jungs? Ja, auch die Jungs! Und ein anderes Kind ruft: Aber gleich sollen wir trotzdem nicht sein, wir sind alle verschieden und das ist gut so.

Äh… kann man hier mal schnell in Oslo anrufen und den Nobelpreis anfordern? Die Hälfte der Bande rennt schon raus, da fragt eins der Kinder: Und was wünschen Sie sich? Und ich antworte: Dass alle Menschen mehr von dem denken und umsetzen, was ihr denkt! Denn ihr seid wirklich wunderbar! Also werde ich von einigen Kindern noch fett umarmt, man wünscht mir gute Besserung und dass ich die Fingerübung machen soll und eins hilft mir noch meine Sachen tragen, denn ich hab jetzt noch ein Elterngespräch. Da gehe ich aber mit ganz roten Wangen hin. Was für eine Bande, oder?

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