Ist die Sonderpädagogik eigentlich in einer (neuen) Krise? Bin ich Förderschullehrkraft? Oder Sonderpädagogin? Werde ich später irgendwann auch mal wieder Klassenlehrerin sein dürfen? Oder Beraterin für sonderpädagogische Fragen? Mit welchen Vorstellungen studieren heute angehende Sonderpädagog*innen den Studiengang Sonderpädagogik? Warum ist die 2. Ausbildungsphase so gar nicht angepasst an die schulische Realität bzw. Inklusive Realität?
Manchmal frage ich mich, ob das ein haltloses Unwohlsein meinerseits ist oder ob sich das nicht auch andere in meiner Situation fragen. Und noch wichtiger… wie sieht das Ganze von Außen aus? Was sehen Politiker*innen, was nimmt die Gesellschaft wahr?
Wer bin ich überhaupt so in meiner Profession? In meiner Gewerkschaftsgruppe überlegten vor kurzem eine Kollegin und ich, wie die Zukunft der Sonderpädagogik aussehen könnte. Ganz explizit sage ich nicht: Wie sieht später mal deine Zukunft aus, Olga? Ich frage nicht nach dem, was wir Förderschullehrkräfte (das ist in unserem Bundesland die offizielle Dienstbezeichnung) später mal machen, sondern was die Sonderpädagogik selbst sein wird. Weiterhin ein eigenständiges Studienfach, das man im Master studieren kann, mit dem Ziel Lehrkraft zu werden? Aber wo denn dann? Förderschule oder Regelschule? Werden wir darauf vorbereitet, beratend tätig zu sein? Welche Rolle soll die sonderpädagogische Expertise denn spielen?
Realistisch betrachtet muss man sagen, so viele Sonderpädagog*innen, wie die Inklusion braucht, wird das Land nicht ausbilden. Die da oben (Kultusministerium und Schulämter) betonen ja jetzt schon, dass wir beraten sollen. Auf Dezernatsebene gibt es immer mehr Fachberater*innen-Angebote, die über ein für mich persönlich entsetzliches Meldesystem angefordert werden können. Beratung von oben und außen – wunderbar!
In meinem Mikrosystem Gesamtschule werde ich angefragt, wenn es Fragen oder Probleme gibt. Wir haben eine gute Gesprächsstruktur im Haus, finde ich. Das geht schon. Beratend werde ich dennoch nicht gern tätig. Weil es eine gute Kenntnis der Gesamtstruktur, der individuellen Befindlichkeiten und Voraussetzungen aller Beteiligten voraussetzt, die respektvoll und umsichtig erfasst werden muss. Dazu habe ich wenig Zeit. Mir sind Beziehungsaufbau und coach-ähnliche gemeinsame Lernsituationen mit den Schüler*innen wichtiger – im gemeinsamen Unterricht.
Und in echt ist es das, was viele meine Regelkolleg*innen auch machen. Was unterscheidet uns also? Meine sonderpädagogische Expertise? Und was ist mit meiner Kollegin Frau Zett? Ist sie nicht der Inbegriff sonderpädagogischer Expertise? Seit 9 Jahren arbeitet sie differenziert und umsichtig in Klassen mit zieldifferenten Lernangeboten? Ist sie als ausgebildete Gymnasiallehrkraft weniger qualifiziert als ich? Ich murmele beschämt und stolz zugleich: Nein! Warum betonen Gymnasialkolleg*innen in anderen Kontexten aber genau das?
Wie es jetzt ist?
In der oben skizzierten Situation gucke ich mir die entsprechende Lernsituation an, lerne das Kind kennen und die Bedingungen, in denen es lernt. Und dann beraten wir uns eher gegenseitig. Der Vorteil ist die Nähe und das Miteinander. Manchmal hilft schon ein einziges Gespräch. Noch besser und hilfreicher ist, wenn das Klassenteam dies macht. Sowas haben wir auch schon ausprobiert – ein moderierter runder Tisch, der wie eine kolligiale Fallberatung und Zielformulierung fungiert. Dafür braucht es keine Förderschullehrkräfte. Das entwickelt sich mit gemeinsam geteilter Erfahrung in sonderpädagogischen Erfahrungsfeldern. Wenn man nicht mehr aufteilt in “deine Kinder” und “meine Kinder”.
Und Überraschung (oder auch nicht), ganz viele Schulen sind auf dem Weg zu solchen Strukturen.
Doch was macht man mit den Förderschullehrkräften? Welche Rolle erhalten sie? Was wünschen sie sich für ihre berufliche Zukunft? Die Sonderpädagogik ist in der Krise. Wir haben Förderschullehrkräfte, die möchten Klassenlehrkraft sein, wir haben Lehrkräfte, die beraten. Wir haben zu wenig Sonderpädagoginnen. Wir haben eine universitäre Ausbildung, von der jeder weiß, dass sie nicht zur Realität passt, weil die Realität im Umbruch ist.
Sehr viele Sonderpädagog*innen im Schuldienst machen komplett konträre Erfahrungen und richten sich in ihren Schulen völlig unterschiedlich ein. Einige sind an Förderschulen, einige sind in den Regelschulen und unterrichten dort oder beraten dort oder fühlen sich unwohl, weil sie sich dort nicht entfalten können, manche sind in Abordnung dort, manche nur kurz und froh weg zu sein, manche längerfristig aber nicht ganz, manche sind versetzt an die Regelschule, manche sind total glücklich damit. Von den Versetzten haben einige Klassenleitungen und unterrichten eigenständig Fächer, andere wiederum werden additiv eingesetzt in Doppelsteckungen. Einige beraten viel und wieder andere schreiben ohne Ende Gutachten. Eigentlich alle sind schwer mit der Förderplanung beschäftigt und zahllosen Anfragen, aber durch fehlende Strukturen ist das von Schule zu Schule anders. Es gibt leider viel Unmut wegen unterschiedlicher Bezahlung und Tätigkeitsumfang. Und am schlimmsten ist der Lehrkräftemangel. Zu wenig Zeit für Diagnostik und Einzelförderung. Zu oft Vertretung und Unterrichtsausfall oder Verlegenheitsunterricht. Zu viel Arbeit und zu große Belastung.
Fragen über Fragen
Wer macht eigentlich was? Stimmt das, dass du im Rahmen der Inklusion viel mehr Arbeit hast, als wenn du Klassenleitung an einer Förderschule bist? Stimmt es, dass du immer Unterricht vertreten musst in der Regelschule? Stimmt es, dass du eine Gehaltsstufe höher bist als ich und trotzdem ich den Unterricht planen muss und du nur ein bisschen hilfst? Stimmt das eigentlich, dass sich die Schüler*innenschaft verändert? Und am wichtigsten: Stimmt das eigentlich, dass es bei den unterschiedlichen Unterstützungsbedarfen gar keine Trennschärfe gibt? Stimmt es, dass du Bildungsbiografien mitbestimmst, je nachdem, welchen Unterstützungsbedarf du empfiehlst? Und stimmt es, dass Eltern dagegen gerichtlich vorgehen können? Und stimmt es auch, dass das von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich restriktiv ausgelegt wird? Voll krass, die Sonderpädagogik? Oder ist das Ganze irgendwie vorbei und muss neu gedacht werden?
Ich wünsche mir einen Haufen Zukunftswerkstätten zu diesem Thema. Ich wünsche mir einen offenen Diskurs. Mit allen! Und mit einem realistischen Überblick der Bedingungen. Und ich hoffe, dass nicht wieder Leute, Verbände und Institutionen nur das verteidigen, was sich auf ihrem Teller befindet. Man muss das groß sehen, ganz und gegenwärtlich, um die Zukunft einschätzen zu können. Man darf nicht darauf hören, was die Parteien schreien, nicht auf das, was die Lautesten proklamieren. Man muss eine Zusammenschau aus Wissenschaft, Praxis und Prognose erstellen. Über den Tellerrand schauen. Das wünsche ich mir!