Mattel schaltet vor dem Barbie-Film im Kino einen Trailer mit der Aufforderung zu spenden für das Dream Gap Project. Da fallen mir nach ersten gemischten Gefühlen unsere Förderplangespräche ein, die vom Kind ausgehen und die Lernenden in den Mittelpunkt stellt. Dabei haben uns damals, das war noch zu Ref-Zeiten, auch viele Leute kritisiert, wir würden den Kindern Träume in Aussicht stellen, die dermaßen realitätsfern seien, das wäre den Kindern gegenüber gemein. Dabei haben wir klar unterschieden zwischen Träumen und Zielen. Denn man kann doch nicht immerzu seine Träume durchstreichen, nur weil sie unerreichbar scheinen. Oder? Man setzt sich doch Ziele, weil man Träume hat!
Ich habe zuhause gelernt, etwas machen zu wollen und es dann nicht zu machen, geht nicht. Etwas anzufangen und nicht oder nur schlampig zu beenden, das geht auch nicht. Das ist ein Zeichen von Schwäche. Über Träume zu sprechen ging nicht, dennoch zu träumen geht nur im Kopf und Ermutigung für die Erfüllung von Träumen zu erhalten – das geht -Überraschung!- auch nicht. Man muss alles mit sich selber ausmachen. Oder scheitern. Mein Vater ist ähnlich stur wie ich und exakt so geprägt. Wir Kinder litten und leiden darunter und ändern unser Verhalten dennoch nur graduell. Ich zumindest arbeite hart daran, immerzu Dinge anzufangen. Obwohl ich weiß, dass ich sie nicht zuende bringe. Warum will ich immer alles können müssen? Ist nicht aber ein Anfang immer auch mit der Zuversicht verbunden, es sich zuzutrauen?
Die Lücke für die Träume von Kindern, speziell Mädchen, zu füllen, das will das Dream Gap Projekt von Mattel. Ich mochte den hübsch aufgemachten Trailer vor dem Film gar nicht. Es ist richtig in der Sache selbst, aber es erscheint mir dennoch nicht richtig in einer Welt, in der es Kinder gibt, die um ihr Leben kämpfen, verhungern oder keinerlei Zugang zu Bildung erhalten, so eine merkwürdige Kampagne zu launchen in Kinos, die diese Kinder gar nicht erreichen mit Kindermodellen, wohlgenährt, adrett und gepflegt, als wäre das nicht ein Ganze-Welt-Problem. Aber die sammeln doch Geld, jaja. Mein Bauchgefühl ist trotzdem schlecht. Und meine Freundin raunt mir zu: Träume sind dazu da, Menschen anzutreiben, sich zu entfalten, dazu braucht man diese Lücke zwischen Wirklichkeit und Traum doch?! Warum sollte man diese Lücke schließen lassen?
Man braucht eine generell bessere Wirklichkeit für Heranwachsende. Ich will jetzt nicht recherchieren, in welche Projekte Mattel jährlich 250000 USDollar investiert. Vielleicht sollte ich. Vielleicht sollte ich lieber darüber nachdenken, welchen Beitrag ich so leiste zu dieser Lücken-Thematik.
Bei den Vorgesprächen zum Förderplan haben wir Raum gegeben, um über Träume zu sprechen. Vorbild dafür ist die Persönliche Zukunftsplanung. Ein multimethodischer Planungsansatz zum Empowerment von Menschen, denen früher überhaupt nicht zugetraut wurde, sich über ihre Zukunft Gedanken zu machen. Persönliche Zukunftsplanung möchte die planende Person in den Mittelpunkt stellen. Ihr zur Seite wird ein*e Moderator*in gestellt, der*die die Methode erklärt und durch die Gespräche hinweg die planende Person begleitet. Ziele dieser Gespräche können vielfältig sein: Wie will ich später wohnen? Was will ich arbeiten? Mit wem will ich mein Leben verbringen? Wie kann ich erreichen, dass ich mir meinen Wunsch erfüllen kann? Alles Themen, die jeder Mensch für sich bearbeitet, mit Hilfe oder ohne.
Ich spreche heute über meine Träume, ich habe nämlich welche und ich weiß auch, dass ich ohne Anfänge niemals überhaupt Schritte in diese Richtung tun würde. Ich weiß, dass ich mit jedem Anfang ein bisschen mehr mit mir selbst aushandele, was geht oder nicht. Ich werde ganz langsam selbstbewusster und spüre, das mehr möglich ist, als ich denke. Und wer sagt denn, dass etwas Angefangenes nicht wieder aufgenommen werden kann? Etwas nicht weiter tun zu wollen ist kein Scheitern, etwas abzubrechen ist vielleicht auch eine gute Entscheidung.
Mattel hat Recht damit, die Träume von Kindern ernst zu nehmen. Man sollte, wenn jemand über Träume redet, immer zuhören. Und selbst in der unrealistischsten Wünscherei stecken so viele Möglichkeiten. Manche Menschen brauchen Hilfe dabei, diese Kerne des Möglichen herauszupulen und keimen zu lassen. Das ist vielleicht unser Anteil als Lehrkräfte, Eltern, Betreuer*in, Therapeut*in oder beste*r Freund*in. Vielleicht werde ich irgendwann doch Professor! Vielleicht aber auch nicht. Denn wir müssen sie nicht erfüllen, die Träume, aber wir dürfen!