Viermal hab ich den Barbie-Film jetzt gesehen. Aus reinem Interesse. Und das, obwohl ich kein einziges Mal was Pink-Farbendes trug und keine nostalgischen Gefühle habe bezüglich meiner Barbie-Vergangenheit. Klar hatte ich Barbies, die gab es ja bei uns im Supermarkt und da standen wir Kinder oft davor und jammerten. Heute gibt es keine Barbies mehr in Supermärkten. Oder sie fallen mir nicht mehr auf.
Zuerst habe ich den Film mit dem Gatten geguckt, ich mag auch die anderen Filme von Greta Gerwig, ich hab mich richtig auf den Film gefreut. Danach wollte mein 12-Jähriger Sohn mitkommen und eine Freundin. Ein paar Tage später schlug ich den Film vor, als ich Zeit mit Nichten und Neffen verbrachte und zuletzt stupste ich eine Frau aus meiner Theatergruppe an, bei der ich dachte, das würde doch gut passen bei den Gedanken, die bei ihr gerade im Bauch rumoren. Fast die ganze Theatercrew ist dann mitgekommen. Dementsprechend viele verschiedene Motivationen und Reaktionen habe ich erlebt: Leute haben ausgelassen gelacht wegen des Unterhaltungsfaktors, einige sind sehr nachdenklich und konzentriert aus dem Kinosaal getreten, einige krakeelten vorher: Jaaaa, Barbie! Und wieder andere verzogen das Gesicht und meinten: Nie und nimmer! Haben den Film dann doch gesehen und auf meine Frage hin, wie er ihnen gefallen habe, erwiderten sie: Ich glaube, man muss durchhalten, wenn man was will, das will der Film sagen. Das ließ mich doch recht sprachlos zurück, von unter 10-Jährigen erwartet man ja andere Statements. Vor allen Dingen, wenn man gleichzeitig beobachtet hat, dass sie 5 mal während des Films auf Klo müssen. Da erzähle mir einer, die Aufmerksamkeitsspanne von Kindern verändere sich nicht durch soziale Medien, mein lieber Scholli.
Viele hatten den Film gar nicht auf dem Schirm und dachten, es sei ein reiner Kinderfilm mit einer Prise Erwachsenenhumor.
Die vielfältigen Reaktionen sind das, was mir an diesem Film besonders gut gefällt. Die Frage, wie viel Benachteiligung oder Beeinflussung widerfährt mir oder meiner*m Partner*in eigentlich? Die Wahrnehmung von den Unterschieden, die die Geschlechter aushalten müssen, für sich beanspruchen oder schlicht erlernt haben zu leben, das ist so deutlich und in dieser grandiosen Verpackung meiner Meinung nach noch nie so sichtbar geworden.
Logisch ist, dass die Regisseurin dann auch die Sichtbarkeit von Diversität thematisiert. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Film viele Gedanken in diese Richtung loslöst bei Menschen in einer Neurominorität. Die komische Barbie fällt auf, für mich ist sie eine Sympathieträgerin, sie wurde auch wunderbar gespielt von Kate McKinnon. Warum ist sie immer im Spagat? Ich habe gelacht und gleichzeitig schnürt sich was zu im Herzen. Denn am Ende muss selbst die komische Barbie bittstellend und mit großen Augen der Erwartung unter die Augen ihres eigenen Geschlechts treten. Und bekommt ein Leckerli dafür! Das ist ja gar nicht nur lustiges und in grelle Farben verpacktes Feelbetter-Kino, sondern sozialkritisch und wunde Punkte drückend. Da kitzelt nichts und das ist wunderbar.
Wer wird denn nun eigentlich repräsentiert in diesem Film? Und ist es für jede*n der beste Tag? Natürlich wird jetzt besonders kritisch geschaut und ja, sichtbare Behinderungen tauchen nicht auf und die Rollstuhlfahrerin hat keine Sprechrolle. Wäre das der Fall gewesen, dann hätten sich möglicherweise andere Menschen mit anderen Forderungen beschwert. Grundsätzlich aber finden sich nach meinem Empfinden viele Fazetten des Lebens und des Miteinanderumgehens in diesem Film.
Als weiblich gelesene Person hat mich besonders schockiert, dass viele Dinge, die in dem Film aufgeworfen wurden, auch bei mir schon vorkamen und es war fast so, als würde ich auch ein bisschen aufwachen nach einer gewissen Art von Brainwashing. Und dass, obwohl ich eigentlich immer dachte, ich bin schon sehr emanzipiert unterwegs. Dieser Spruch mit der Brille, heijeijei, und die Rolle von Musik. Das war der schlimmste Gong bei mir. Ich habe Tage damit zugebracht darüber nachzudenken, ob ich durch männlich geprägte Musikerfahrungen auch nur irgendwie männliche Musik gehört habe und geringschätzend auf Musik mit Frauengesang oder tanzbarer und schnörkeliger Popmusik herabgesehen habe, weil man das als Musiknerd nunmal so macht. Ich liebe Pavement und Steven Malkmus und trotzdem hat es tagelang in meinem Kopf geklingelt: Du hast für Schallplattenbestellungen Mailorderkataloge gewälzt, die von Männer zusammengestellt wurden. Jeder einzelne DJ, der Musik in deinen Lieblings-Discos und Konzerthallen aufgelegt hat, war ein Mann. Du bist da männlich geprägt worden. Der Musikaspekt des Films ist für mich also das Highlight. I wanna push you around von Matchbox Twenty und ebenso die Indigo Girls mit Closer to Fine und das löst in meinem Kopf die Frage aus: Gibt es Männermusik und Frauenmusik? Jaja, reichlich spät, darüber nachzudenken. Mir fallen Bands wie Bush, Live und wenn ich recherchiere noch viele andere Kapellen ein, die fanden wir allesamt toll als Teenies. Warum habe ich Frauengesang rundherum abgelehnt früher?
Durch Spotify und das Hören von Musik mit Kopfhörern nur für mich, habe ich angefangen, Musik für mich alleine ganz neu zu entdecken. Dann habe ich bemerkt, dass die Platten dazu in genau denselben Mailorderläden zu finden sind. Zurzeit höre ich zu 80% Musik von Frauen. Ich starre auf unsere Plattensammlung und frage mich, warum sich das bei mir so entwickelt hat. Keiner ist per se schuld. Vor allem nicht mein großartiger Gatte. Dieselbe Leidenschaft für Musik hat uns ja schließlich irgendwie zusammengebracht.
Ich muss aber jetzt einfach auch mal den Impuls niederdrücken, schon wieder sowas zu sagen wie: Naja, ich bin eben ein bisschen ignorant. Früher habe ich gern gesagt: Ich bin etwas wählerisch mit Musik. Aber in Wahrheit habe ich ganz lange nicht begriffen, dass Musik nur für einen selbst wirkt. Andere damit zu beeindrucken oder möglichst breit Musik zu kennen und zu mixen, ist überhaupt gar nicht erstrebenswert mehr für mich. Ich habe mir selbst irgendwann erlaubt, einfach nach den Prinzip des Hedonismus vorzugehen, meine Ohren schnappen was auf, was das Herz froh macht? Bingo! Meins! Und ab damit in die Heavy Rotation, denn ich brauche Musik für meine tägliche Lebensbewältigung, zum Aufputschen, Beruhigen, für Trauriges, für Motivierendes, zum Tanzen, zum Backen, zum Spazierengehen, zum Zeugnisse schreiben. Früher war so viel einfach überwiegend männlich geprägt in meinem Leben. Und dank Barbie denke ich jetzt mehr darüber nach.
Ein Freund sagt, er fände den Film doch ein wenig plakativ. Ich entgegne: Ja, aber wie geil ist das inszeniert, verdreht und wie vielschichtig transportiert dieser Film Fragen? Wir sollen nichts lernen oder mitnehmen, denn der Film endet so, wie unsere Gesellschaft gerade lebt. Wir stellen uns Fragen. Einige von uns tun das zumindest. Wir erkennen, hinterfragen und bewerten für uns. Die Fragen sind wichtig und nicht jeder ist dabei gleich weit vorangeschritten.
Ich freue mich über diesen Film. Obwohl er zeigt, dass wir noch nicht so weit gekommen sind, wie es sich manche wünschen. Und auch das merke ich immer wieder. Wenn ich beim Sprechen gendergerecht formuliere, bekomme ich einen Spruch. Wenn ich von der Radladerschaufel springen will und mir ein Mann seine Hand hinhält und ich sage: Danke, geht schon!, dann wird böse geguckt und ein Witzchen gemacht. Auch beim Tür aufhalten oder Sachentragen. Es ist mir schon tausendmal passiert, dass ich angemeckert werde, wenn ich etwas einfach gern selbst mache. Wenn ich Hilfe brauche, dann sage ich das schon. Wenn jemand etwas aus Höflichkeit macht, ist das wirklich sehr höflich. Wenn daraus aber ein Umstand wird und es weder zweckmäßig noch logisch ist, muss das dann sein, dass das Gegenüber beleidigt reagiert oder höhnisch? Mit anderen Frauen passiert mir das nicht. Ich bin keine Frau, die es den Männern jetzt zeigen will. Ich will niemanden dominieren oder zurechtweisen. Ich möchte einfach nur meine Sachen machen, selbst verantwortlich sein.
Man spürt diese Angst aber beim anderen Geschlecht, das Gefühl von Zurückgewiesen werden. Womit wir wieder beim Barbiefilm wären. Wie sollen wir alle damit umgehen? Was macht das aus uns, als Gemeinschaft?