Penis und Vulva

Ich bin bei meiner Frauenärztin und wir unterhalten uns immer vergnügt. Gerne erzähle ich kleine Anekdoten aus der Schule. Sie lacht dann immer oder vertieft sich in ein Gespräch, stellt Rückfragen und freut sich. Immer wenn ich da aus der Tür gehe, schwebe ich eher, weil sie so herzlich und zugewandt ist.


Heute geht es um meine Erkenntnis in der 10. Klasse, dass an Geschlechtsteilen überwiegend Penisse überall hin gemalt werden. Vorangegangen war in der Schule eine Sammlung von Freiwilligen, die bestimmte Aufgaben übernehmen wollen. Ich halte die Personenliste oldschool am Whiteboard fest. Nach der Pause hat natürlich jemand einen Penis unter die Liste gemalt, offen herumliegende Stifte motivieren auch 10.Klässler*innen noch zu spontaner Kreativität. Ich drehe mich zur Klasse um und frage: Warum malt ihr immer nur Penisse? Die Vulva ist dagegen als spaßiges Aufpeppbildchen absolut unterrepräsentiert. Warum? Alle kichern.
Eine sagt: Wie malt man denn eine Vulva? Und ich, Kunstlehrerin, versuche mich sogleich. Die Kinder wissen ja nicht, dass ich letztes Schuljahr schon mal eine neben den Kreidepenis auf der Kreidetafel im Musikraum platziert hatte. Sie diskutieren über mein Kunstwerk. Ich aber muss irgendwann weitermachen: Kinder, ich fotografiere die Liste jetzt und stelle das in eure Gruppe, zur Erinnerung, ihr wisst schon! Halt, ruft eine, erst die Bilder wegwischen, sind sie wahnsinnig?

Die Ärztin lacht und stimmt mir zu, absolut unterrepräsentiert! Dabei sind wir uns einig, die Vulva ist ein wirklich wunderschönes Genital.
Über den offenen Umgang mit der Regelblutung sprechen wir noch, ich erzähle ihr die Geschichte mit dem Menstruationsmob, hatte ich im Blogbeitrag mit der Heterogenität schon beschrieben. Dass es bei uns eine Menstruationssprechstunde geben wird, wo auch über Endometriose aufgeklärt werden könne. Wie unterschiedlich reif die Kinder und Jugendlichen mit den All-gender-Klos umgehen. Und immer noch schüttelt sie lachend den Kopf: Sie beobachten solche Szenen in der Schule so schön!
Schule ist so ein toller Ort, um Gutes zu bewirken, Vorbild zu sein und auf Seiten der Schüler*innen bietet Schule den Raum, sich auszuprobieren, sich kennenzulernen und Selbstausdrucksweisen ausprobieren zu können. Die Ärztin fragt nach Jugendlichen, die ihre Geschlechtsidentität thematisieren. Ist das ein Thema bei Ihnen? Und ich bejahe das. Ich sage gleich dazu, dass ich finde, dass Schule ein Ort sein muss, der es Jugendlichen ermöglicht, sich dieser Sache zu stellen und sich zu positionieren. Sei es als Probehandeln oder als erster Schritt einer Transition, man sollte Menschen unterstützen, ihre eigenen Gedanken und Gefühle wahr- und ernstzunehmen und ihnen die Zeit geben, selbst zu entscheiden, was sie wollen. Wir gehen ins Labor. Die Ärztin erwähnt vorsichtig, dass man ja hört, dass viele Jugendliche das als Trend mitmachen. Ich verneine das. Trend würde ich das nicht nennen. Ich sage ihr: Es ist dieses BILD-Mindset: es ist neu und betrifft Rollenbilder, also ist es schlecht, so wird auch der Narrativ daran schlecht. Ich sage ihr: Sie müssen da nicht mitmachen, verneinen sie das! Ich sage: Wir unterstützen Menschen dabei, ihren eigenen Weg zu gehen, ganz egal, welchen Weg sie nehmen möchten, wie viele Haken sie schlagen oder wie oft sie stehen bleiben. Wer sind wir denn, dass wir ihnen diese Auseinandersetzung mit sich selbst einfach absprechen? Man darf Menschen niemals um ihrer selbst Willen beschämen. Schule beschämt so oft, wo sie unterstützten sollte. Ally sein, da sein, nicht bewerten oder bevormunden. Geschlechtliche Vielfalt, sexuelle Vielfalt, Neurodiversität, das hat alles immer mit Vielfalt zu tun. Vielfalt ist nichts Schlimmes. Währenddessen wird mir übrigens gerade Blut abgenommen. Vielfalt wird erst schwierig, sage ich, wenn es mit Abtrennung verbunden wird. Ich frage sie: Ist Ihnen schonmal aufgefallen, wie viel Jugendliche eigentlich in diesen wenigen Jahren aushalten und lernen müssen und wie leistungsstark sie dabei sind? Im Sinne von: Was die alles gleichzeitig geregelt kriegen. Wie oft sich Jugendliche Erwachsenen zuwenden? Ich bin Co-Spielleitung in einem generationsübergreifenden Spielclub, da sind die Spieler*innen 15 bis 80 Jahre alt. Wo man Menschen zusammenbringt und sie gemeinsam etwas machen, da spürt man, wie wertvoll Vielfalt ist.
Die Ärztin hält inne, sagt: Huch, wir sind ja schon fertig. Sie blickt mich länger an und dann, ganz plötzlich, nimmt sie mich voll lange in den Arm. Und ich so, halb in Schockstarre (die Ärztin ist eine aus meiner Sicht hochattraktive Frau und ich hab gefühlt strähnige Haare und müffele nach Linolboden und Schulschweiß): Oh, eine Umarmung, äh, danke. Ich bin nicht so der Umarmungstyp, muss ich gestehen.
Sie schaut mich an und sagt: Kommen Sie bitte bald wieder, ja?

Auf dem Beitragsbild kann man auf den T-Shirts verschiedene Penisse und Vulven sehen, das Shirt bekommt man bei ATO Berlin, die haben auch welche mit butts und boobs. Ich finde sie toll und hätte gern eins, aber welches? (Unbezahlte Werbung für eine unbezahlbare Message übrigens!)

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