Ich weiß das. Es ist ja nicht so, als merke man selbst nicht, dass die eigenen Rede- und Schreibbeiträge oft zu ausgeprägt sind.
Überfordert bin ich bei Situationen wie gestern. Ich parke in meiner Heimatstadt am Friedhof, um meine Mutter zu besuchen. Ich wollte Aprikosen essen und Blumen vorbeibringen. Den Arm voll mit Zeug steh ich kurz da, um den Radfahrer vorbei zu lassen, als ich bemerke: Das ist der schöne Mann! Der schöne Mann…. ach du Schreck! Ich lächele, er lächelt und hält an.
Hallo M., sage ich grinsend. Er begrüßt mich ebenso fröhlich. Innerlich bricht sich Begeisterung Bahn, die ich angestrengt zu verstecken versuche. Und wie mache ich das? Indem ich rede, unstoppable Redemaschine! Ich fasse also etwa 20 Jahre Nichtgesehen zusammen, in einem Roman, natürlich frage ich zwischendurch Sachen oder höre zu, als er erzählt, aber gleichzeitig geht mir durch den Kopf, wie ich verhindern kann, dass es eine peinliche Pause gibt, ein Auserzählt, Smalltalk- Ende, Schüss dann mal, denn ich merke, das möchte ich gar nicht. Das war nämlich beim letzten Mal so, als wir uns sahen. Ich würde ihn jetzt gern ein wenig ansehen, schließlich ist er der schöne Mann meiner ausgehenden Jugendphase. Ich scharre mit den Füßen auf dem Boden herum, den ich ausgiebig in Augenschein nehme, lächelnd wohlgemerkt. Einmal wird es gefährlich, als ich erzähle, wie gerne und viel ich schreibe und er erzählt, er habe das auch für sich entdeckt, poetry slam, für sich schreiben. Ich lächele wieder oder immer noch und sage, ich hab das schon immer gemacht, das hast du früher nur nicht mitgekriegt, du hast die vielen Briefe an dich ja nie bekommen, haha. Er guckt zu Boden und ich merke, voll peinlich, Olga! Also wirklich. Schlund, tu dich auf!
Wir reden, ich merke schon wieder was! Wir haben ein paar Dinge gemeinsam. Aber Kunststück, Olga, du hast ihn damals geradezu imitiert. Auch das weiß M. gar nicht und mir fällt hinterher auf: Hätte ich ihm das sagen sollen? Wie viel ich ihm eigentlich verdanke, vor allem bezogen auf das, was mich heute ausmacht?
Ich hätte nie das Langzeitpraktikum in der Einrichtung für Kinder mit komplexen Behinderungen gemacht, wenn ich nicht von weitem messerscharf observiert hätte, dass er nach dem Abi Zivildienst in eben dieser Einrichtung machte. Ich wäre nie auf Motorpsycho abgefahren, wäre mir nicht aufgefallen, dass er sich dazu immer wieder auf die Tanzfläche gequetscht hat. Niemals hätte ich so viel Gefühlsschreiberei betrieben gepaart mit peinlichen Selbstportraits, hätte ich nicht ausdauernd Ausschau nach dem ominösen schönen Mann gehalten in den Discos meiner Jugend, um mich abzukapseln aus einer ganz schlimmen Beziehung, aus der ich mich lösen wollte und lange Zeit nicht konnte. Da es jahrelang nur beim Gucken geblieben ist, mussten sämtliche Gefühlsausbrüche ja anderweitig festgehalten werden. Ich wäre nicht so, wie ich jetzt bin, glaube ich. Kann man mit dem Gedanken leben, derjenige, dem dies anzugedeihen ist, weiß gar nichts davon?
Ein klares Ja! Weil ich immer zu viel rede und zu viel schreibe und das überfordert ihn bestimmt und schreckt ihn ab. Ich bin wirklich etwas zu viel für Menschen, die ich wirklich mag. Da bin ich, glaub ich, ein bisschen exzentrisch, ähm, naja. Hunde kommen mit mir aber bestens klar. Wenn ich zuhause bin, erzähle ich unserem Hund Bowie mal die Geschichte vom schönen Mann. Denn das ist eine Geschichte glückloser Zuneigung und voller Freundlichkeit und ohne Mief, Beef und Fisimatenten. So richtig schön! Warte, doch ein wenig Drama spielt auch mit. Es könnte aber auch sein, dass ich total verklärt auf die Vergangenheit blicke. Ich lächele wieder…. absolut nicht, nein!