Begeisterung

Ich habe gerade mehrere Stunden Erde auf einer Grabstelle bewegt, Pflanzen eingebuddelt und über Blumen gefachsimpelt. Meine Schwester, die gern Aufträge erteilt, staunt darüber, was ich so weiß. Ich aber kläre sie schnell auf, dass ich im Grunde marginal mehr weiß als sie. Insgesamt fehlt mir die Begeisterung und der Platz im Langzeitgedächtnis für beindruckende Fachkenntnisse im Bereich der Botanik.

Was ich aber den ganzen Tag befeuern könnte, wären Fachgespräche über Schule und Inklusion. Da rede ich wie ein Wasserfall. Darüber denke ich auch ständig nach. Viele Leute finden das natürlich beeindruckend, ich finde das sehr nett.

Noch mehr bewegt mich, wie sich meine Schüler*innen von meiner Begeisterung anstecken lassen. Denn neben all den Belastungen des Lehrkräfte-Berufs muss ich doch mal ganz klar sagen:
Ich liebe meinen Job!

Ich gehe da echt gerne hin. Die meisten meiner Kolleg*innen sind absolut super und die Schüler*innen beeindruckend und cool. Kinder und Jugendliche merken total schnell, wie man so drauf ist. Wie oft habe ich schon gehört: Voll abartig, Frau Enn, wie kann man denn den ganzen Tag so gute Laune haben?
Ich mag´s hier halt, Leute! sag ich und die Leute grinsen mich an. Vielleicht steck ich sie ein bisschen an mit der Begeisterung. Oder zumindest mit der Abkehr vom Rumjammern.

Ach, das liegt an deinem Charakter, weil du so flippig bist, hör ich. Aber ich versichere hiermit, dass ich schon andere Jobs hatte und darin war ich ganz anders.

Entgegen der Annahme vieler Kinder, man würde ja als Lehrkraft geboren, fand ich Schule ziemlich öde und blöd in meiner eigenen Schulzeit. Viel Aufmerksamkeit habe ich da nicht gelassen. Danach habe ich erstmal Dinge ausprobiert, um herauszufinden was ich kann.

Blumen verkaufen kann ich z.B. nämlich nicht. Ich habe ein Jahr Vollzeit in einem Blumenladen gearbeitet. Ich dachte, ich mag Blumen. Tue ich ja auch, aber ich hab keine Ahnung davon und das Jahr im Laden hat auch nicht dazu beigetragen, mich der Sache mehr widmen zu wollen.

Es war einfach merkwürdig, was für Blumen die kauffreudige Masse gut findet. Und die aufwändigen Verpackungen für Blumen, die nur wenige Wochen schön aussehen, um dann zu sterben – die Blumen, nicht die Verpackungen, die zersetzen höchstwahrscheinlich nie -, die kann ich noch heute herstellen. Schwer war das nicht, nur nicht nachvollziehbar. So viel Folie und Plastikschleifen wie möglich um erbarmungswürdige Pflänzchen wickeln. Der Horror für mich damals schon, obwohl mir da noch nicht mal bewusst war, wie viel Müll das ist.

Manschetten (heute gibt es die fix und fertig, sehen auch nicht besser aus)
Farn
Chrysanthemen (in braun und gelb)
Calla
Noch mehr Manschetten
Ganzjährig Kalanchoe
Kunden

Gegen diese Dinge habe ich eine besonders tiefe Abneigung entwickelt. Gern wäre ich begeisterter gewesen, gern hätte ich beraten und gepflegt. Ich bin grundsätzlich freundlich, kann gut basteln und habe ein gutes Auge für Ästhetik, behaupte ich jetzt mal, aber so viel Tacker, Tesa und Tamtam, das erträgt man nicht lange, wenn das Herz nicht dafür schlägt.

Ich will damit nicht sagen, dass man sich mit einem Job, den man nicht begeistert verkörpert, zugrunde richtet. Mir ist nur aufgefallen, wie wichtig und richtig es ist, nach einem zu suchen, den man mit Verve für eine ziemlich lange Zeit machen kann.

Ich mag Blumen immer noch gerne. Am liebsten ungebunden oder solche, die noch in der Erde stehen, Stauden und Zwiebelblumen. Mich begeistert die Kraft dieser Pflanzen, sich komplett zurückzuziehen, nur um dann einfach wieder aufzutauchen. Jahr für Jahr.

Das gefällt mir. Das mache ich in den Ferien auch. Kraft sammeln und in mich gehen, denn für die Schule brauch ich Reserven. Weil ich es da so mag.

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