Viel beneidet, belächelt und mit Vorurteilen belegt: Ferien für Lehrkräfte! Wo andere sich mit wenig begnügen müssen, schöpfen die Beamt*innen und Angestellten in Schule aus dem Vollen. 12 Wochen Füße hoch und Müßiggang. Aha! Hier ein Livebericht aus erster Hand, wie das so ist.
Wenn die Sonne scheint
Eigentlich war ich mir ganz sicher, dass ich irgendwo einen Text über Ferienanfänge geschrieben habe. Ich habe nämlich erstmal den kompletten Freitag Nachmittag und Abend verschlafen, nachdem mich die Kolleg*innen morgens noch anmotzten, ich sähe scheiße aus und möge bitte zu Hause bleiben. Hab ich aber nicht, ging nicht, aus Gründen. Und mit welcher Begründung überhaupt? Ich kann nicht mehr, ich bin irgendwie voll schlapp, die Energie ist weg? So geht es ziemlich vielen Mitarbeitenden in Schule zur Zeit. Und auch schon länger.
Erfrischt vom Dauerschlaf schrieb ich am Samstag einige Zeilen. Dieser Text handelte von Samen, Vogelbeobachtungen und einer ersehnten Ruhe. Der Text ist weg, die Erinnerung, womit ich die ersten Tage so zugebracht habe auch und die Ruhe hat sich lange nicht einstellt. In meiner Erinnerungen schreibe ich über beruhigend schöne Dinge, ertappe mich aber immer wieder dabei, wie ich einen Rückgriff auf das Thema Schule, Belastung oder Zukunft mache. Ich bemerke es immer wieder, immer wieder überrascht übrigens und schwenke um, bis ich genervt aufgebe. Dann ist das eben so. Dann brauche ich eben Zeit, um in den Ferien überhaupt anzukommen.
Dazwischen
Ich konnte dann Ferien machen, irgendwann. Ferien sind schön! Ewig mit dem Gatten am Frühstückstisch über ungefähr alles reden. Dinge beobachten, mit dem Rad fahren, Steuererklärung. Ins Mailpostfach der Schule gucke ich nicht.
Es regnet
Der letzte Ferientag ist bei uns immer ein Trauertag. Der Große möchte nicht darauf angesprochen werden, der Kleine schlurft nur herum. Die Erziehungsberechtigten besorgen vorsorglich viele leckere Brötchen und bleiben am Frühstückstisch weitestgehend allein. Zum Glück regnet es, das passt zur allgemeinen Stimmung und zum Arbeitsauftrag. Heute muss ich alles, was ich erfolgreich aufgeschoben habe, zumindest beginnen abzuarbeiten und meine Motivation wabert so auf der Nulllinie herum. Natürlich fallen mir jetzt einige Dinge auf, die vorab erledigt werden müssen. An den Gutachten kann ich erst arbeiten, wenn der Schreibtisch ordentlich ist, die Klassenarbeiten korrigiere ich, wenn ich weiß, dass das morgen zurückgegeben werden muss, aber war da nicht noch eine Nachschreiberin? Ich frage mal meine Co-Lehrkraft aus dem Kurs, ob wir noch eine Schonfrist haben. Die Protokolle könnte ich locker fertigmachen und verschicken, aber war da nicht noch ein Anruf beim Arzt?
Das muss natürlich zuerst erledigt werden. Werktage als letzte Ferientage sind besonders niederschmetternd. Man gleitet wieder in eine zwischenmenschliche Flutwelle hinein, bei der man vor 18 Tagen wusste, dass man etwa 10 Tage braucht, um sich daraus hervorzupellen. Eier, Hasen, Osterfeuer – gab es hier nicht, wir hatten Filme, Platten und Blumen, denen wir beim Wachsen zusehen. Bin ich erholt? Ja, und heute wird mir schlecht beim Gedanken daran, wie schnell das verpufft.
Man hopst wieder in den Strudel aus Anforderungen, Vor- und Nachbereitungen und sehr viel Arbeit im Sitzen. Sollte ich da nicht lieber heute noch ein bisschen liegen?
Was ist eigentlich meine Resilienz? Ich glaube Rückzug. Wenn es ruhig ist und ich bestimme, was ich hören muss oder möchte, das ist eine Kraftquelle. Heute beim Frühstück haben mein wunderbarer Mann und ich Platten gehört und besprochen. Ständig wurde inne gehalten oder mitten in einen Satz hinein: Jetzt hör dir mal das an! gerufen. Plastik-Drumbeat! Jazz-Schlagzeug? Klingt wie… oder Nee, mag ich nicht!
Ach, die Mathearbeiten. Da fällt mir ein, was quasi in jeder Mathearbeit passiert:
Schüler H. in der Mathearbeit schaut mich entrückt an und sagt: Woher soll ich das denn wissen???
Ich ziehe die Augenbrauen hoch und denke:
Keine Ahnung, mein Lieber, aus 140 Stunden Matheunterricht der vergangenen Jahre vielleicht? Jahre der aufopferungsvollen Mathe-Carearbeit? Millionen Minuten mentaler Vorbereitung auf Mathearbeiten? Weil wir seit 4 Jahren zusammen Mathe haben und du da immer gut mitgemacht hast? Weil es logisch ist?
Aber ich sage: Vielleicht liest du dir erstmal in Ruhe die Aufgabe durch! Ich versichere dir, das hatten wir und du kannst das auch.
Also suche ich mir jetzt analog zu meiner eigenen Überzeugung jemanden Motivierendes aus diesem Haushalt aus und lasse mich angenehm davon überzeugen, dass das schon alles nicht so schlimm wird mit der Arbeit und dem Pensum und der Freizeit und dem Druck. Wenn die Schule wieder beginnt.
Nachtrag:
Tag 1 bis 3 nach den Ferien sind in etwa so abgelaufen: Schüler*innen rufen: He, Frau Enn, kriegen wir die Mathearbeit zurück? Ich stöhne. Alle Kolleg*innen stapeln in den Jahrgangsstationen haufenweise Essen. Also esse ich. Und an jedem späten Nachmittag lege ich mich ins Bett und schlummere erschöpft, weil man sich an den Wirbel, die Lautstärke und die vielen Erfordernisse erst wieder gewöhnen muss.
So ist das mit den Ferien.