Wenn sich alle fernhalten

Wir sprechen viel über Inklusion im Allgemeinen, über Rechte und darüber, was sich ändern muss. Was wir nicht so oft machen, ist mit den betreffenden Personen selbst zu reden. Sie nach ihren Wünschen zu fragen oder unsere Ziele mit ihren Zielen abzugleichen innerhalb dieser Lehrkräfte-Schüler*innen Hierarchie.

Was macht man eigentlich, wenn es einem Kind gar nicht gut geht an der Schule, die man eigentlich für weitestgehend inklusionsoffen hält? Wie kann man helfen – vor allem wenn man sich selbst hilflos fühlt?

Schule ist ein System, das von Gemeinschaft, von Kooperation lebt. Alleine schafft man es nicht, vor allen Dingen mit den heutigen gesellschaftlichen Herausforderungen, auf die kaum eine politische Antwort im Bildungsbereich gegeben wird.

Wir erleben Diskussionen über Kindergrundsicherung und Armut über die Medien. Auch hier redet man mehr über Geldbeträge als Situationen. Wir in der Schule erleben es oft, dass Kinder vereinzelt sind, dass sie in ein soziales Aus geraten. Auch Eltern, ganze Familie geraten in eine soziale Isolation. Sie haben Anrecht auf Hilfen, sie füllen aus, nehmen an und sind dankbar. Und dennoch kommt das Geld nicht da an, wo es nötig wäre, Hilfen bleiben aus, weil sie nicht wissen, wie man es am besten einsetzt. Kinder aus Familien, die einen Helfer haben, eine vertraute Person, die sie fragen können, wenn es Schieflagen gibt, die kommen auch in der Schule besser zurecht. Kinder, die auch zuhause nicht die Erfahrung machen, dass man sich mit Problemen an jemanden wenden kann, die bleiben für sich.

Nun kann man zurecht sagen: Es gibt doch Familienhelfer*innen! Ja, aber ich kenne aus 15 Jahren Schuldienst keinen einzigen Fall, in dem Familienhelfer*innen von den Familien als vertrauliche Hilfe anerkannt wurden. Ganz im Gegenteil.

Darüberhinaus finde ich, dass die gesellschaftlichen Strukturen auch nicht mehr dazu einladen, sich anderen anzuvertrauen, eine helfende Gemeinschaft zu bilden oder ohne Gegenleistung einfach zu helfen. Wenn ich das mache, bekomme ich gleich den Hinweis, das ginge nicht oder das sei rechtlich aber ganz heikel oder den Hinweis „Würde ich ja nicht machen!“

Schule ist auch Bindungsarbeit. Gerade zu denen, die sich vor Vertrauen und Bindung scheuen. Deshalb ist das (ich seufze an dieser Stelle genervt) ja auch ein schwieriger Beruf, bei dem man viel Stabilität, eine gesunde Haltung (geistig wie körperlich) und vor allem Empathie braucht. Die ohne gibt es auch, aber die merken ja nicht, was die Kinder emotional brauchen. Und die mit Empathie müssen ganz schön aufpassen, dass ihr Akku nicht zu schnell leer ist.

Schule als ein Ort mit vielen Professionen, guten Ideen und gelebter Inklusion kann Kindern auf einen guten Weg helfen.

Und was mache ich mit meiner Schülerin? Warum haben wir es da nicht hinbekommen, dass sie Freunde findet und sich wohl fühlt? In diesem Schuljahr probieren wir etwas aus, damit sie merkt, dass sich nicht alle fernhalten. Sie besucht jetzt den Unterricht in bestimmten Fächern eines anderen Jahrgangs. Den Lehrkräften aus ihrem Jahrgang, die genervt sind von der Elternarbeit und der Intensität ihrer sozialen Bedürftigkeit, können wir das nicht so richtig begreiflich machen. Nicht sie ist eine Last, sondern ihre ganze Situation ist ein Erschwernis für ihre soziale Entwicklung. Und es ist unsere Aufgabe in der Schule, dafür Lösungen zu finden, damit sie sich als Handelnde wahrnimmt, als Lernende und soziales Wesen. Diese eine kleine Kursänderung könnte helfen. Wir versuchen es, auch wenn es ihr letztes Jahr bei uns ist. Aus anfänglicher Angst ist mittlerweile (nach 2 Wochen schon) ein fröhliches Plappern geworden. Dazu bilden wir aber eine Kleingruppe und starten immer damit, offen darüber zu reden, wie es uns geht und was so anliegt. Inklusion heißt nicht immer, alle sind in einem Raum, Inklusion heißt, alle Stimmen zu hören und zu versuchen, allen auf ihre Weise gerecht zu werden, ohne dass sich die Gemeinschaft verliert. Läuft nicht immer gut, aber wir arbeiten dran.

Schreibe einen Kommentar