Inklusion festmachen

Sehr geehrte*r XY,

Ich möchte kurz Stellung beziehen zur Petition, die Sie weiter geleitet haben.
Ich bin beides, Sonderpädagogin, die sonderpädagogische Förderbedarfe empfiehlt und fortschreibt, und Mutter eines Kindes im Autismus-Spektrum. Das Anliegen (noch) einen zusätzlichen Förderbedarf zu schaffen, nämlich den für Menschen im Autismus-Spektrum, widerspricht dem Gedanken der Inklusion und schafft nur noch mehr Kategorisierung und Ausgrenzung. Anstatt an alten, überholten, bürokratischen Termini und Verfahrensweisen festzuhalten, sollte man meiner Meinung nach mehr daran arbeiten, Inklusion in die Schulen zu bringen und Inklusion auch zu leben. Und das geht in erster Linie über die Personalversorgung. Kinder brauchen Bezugspersonen, keine Gutachten, die kein Mensch liest, Lehrkräfte brauchen Unterstützung, um Potential aber auch Leidenswege bei Kindern zu erkennen, Eltern brauchen Ansprechpartner*innen, mit denen sie vertrauensvoll sprechen können.

Ich kann die Verzweiflung derer Eltern nachspüren, bei denen die Bildungswege der Kinder auf erschütternde Art verschüttet, zerbrochen oder beendet wurden. Und ich kenne einige. Ich sage aus professioneller Sicht als Sonderpädagogin: die Ausdifferenzierung in Kategorien ist nicht der Weg. Er führt zu noch mehr Leid. Wichtig ist das Ausloten und Besprechen von wirklich ganz individuellen Bedarfen an Unterstützung und zu gleichen Teilen von Hilfen im Sinne des Nachteilsausgleichs, nicht nur pro forma, sondern echt und auf das Kind angepasst angewandt! Ein Gutachten garantiert dies in keinem Fall! Ein Gutachten macht nur einen Stempel drauf….

Meine Erfahrung mit allen anderen Förderschwerpunkten stützt diese These. Ich weiß, dass die Forderung nach einem Förderschwerpunkt nicht unbedingt die Ihre sein muss, aber falls Sie auch im Elternkreis oder anderer Stelle darüber sprechen, würde ich mich freuen, wenn Sie meine Gedanken in ihre Gespräche mit einfließen ließen. Zumindest als Haken an der Sache.

Herzliche Grüße
Olga Natürlich

Und die Antwort lautete:

Guten Tag Frau Natürlich,

vielen Dank für ihre Rückmeldung.
In der nächsten Woche findet wieder der Elternkreis statt. Sollte im Rahmen dessen die Petition zur Sprache kommen, werde ich Ihre Anregungen gern einfließen lassen.
Es ist immer schön mehrere Seiten zu hören/lesen.
Ich denke von Inklusion sind wir bedauerlicherweise noch ein ganzes Stück entfernt und dies wird durch die derzeitige Personalsituation (Fachkräftemangel) unglücklicherweise nicht besser, sodass Eltern und Familien jeden Strohhalm ergreifen, um ihre Kinder zu unterstützen.
Eine sehr schwierige Zeit für alle.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche!

Und ich denke wieder: Ja, und wenn Eltern einzeln, vereinzelt oder in kleinen Vertretungen die Interessen für das Einzelne verfolgen, bleibt der Strohhalm auch nur ein Strohhalm. Würde man sie bündeln, diese Strohhalme, könnte man verdeutlichen, welchen Weg man wünscht. Die einzige Interessenvertretung, die man seinerzeit hört und liest ist die der Gynmnasien. Eine nie enden wollende Vorstellung, dem Gymnasium könne etwas weggenommen werden, wenn man ihm etwas hinzufügt. Eine ewig andauernde Litanei der Versicherung, dass Inklusion nicht das Niveau abflacht sondern die Möglichkeiten vervielfältigt. Und ein unnachgiebig harter Weg für manche Eltern, die zwar etwas ändern wollen, aber nicht können.

Und oft wird auch dabei nur klein/klein geschaut, warum schaut noch keiner über den Tellerrand?
Ja, es ist eine schwierige Zeit für alle, warum dann nicht zusammentun und gemeinsam überlegen? Was mich nervös macht, ist die für mich offensichtliche Tatsache, dass wenn jeder, der die weisen Worte ausspricht, von der Inklusion seien wir ja noch meilenweit entfernt, ein kleines Scherflein Optimismus und Kampfgeist hinzufügen würde, vielleicht mit dem Nachsatz, aber ich tue, was ich kann auf meine Weise oder  ich hab mich schon umgehört, was man so machen kann oder zumindest bei mir in der Schule kann ich ein bisschen was verändern, dann wäre diese Wahrheit nicht ganz so aussichtslos. Natürlich sind wir noch weit entfernt, aber was bringt einen denn näher? Auf was wollen wir denn warten?

Gerade in der Bildung waren es bislang sehr oft die Eltern, die auf Missstände aufmerksam gemacht haben und Proteste angestrengt haben. Eltern, die sich stoisch dem Kampf gegen bürokratische Mühlen gestellt haben und ihre Kinder, die mit Lehrkräften, oft auch nur widerwillig, Pfade eintrampeln mussten, die nun schon leichter für Folgende zu begehen sind.
Und auch da höre ich schon, wie ich angetippt, zur Seite genommen und angesprochen werde: Aber die Kinder, die armen Kinder! Ich habe ja gehört… meine Tochter… In meiner Klasse gibt es ein Kind…, ja ich kenne die Realität und ich verschließe mich auch nicht vor ihr. Und wo ich kann, versuche ich zu helfen, aber das ist es eben auch nicht nur. Wer erzählt denn die Geschichten des Gelingens, der Gemeinschaft und der Teilhabe?

Vielleicht weigere ich mich einfach, eine Waagschale zu nutzen oder mich von den geteilten Erfahrungen anderer mitreißen zu lassen. In der Coronapandemie habe ich irgendwo gelesen, die beste Art über die Situation nachzudenken ist, erst einmal den Blick über das schweifen zu lassen, was direkt bei mir vorfindbar ist. Und wenn dies getan ist, könne man über seinen Tellerrand blicken und erkunden, wie es anderen geht. Und daraus erschließt sich nach und nach ein Gesamtbild. Es nutzt mir nichts, in den Canon der gesellschaftlichen Untergangsstimmung einzusteigen. Da ist es mir zu duster.

Schreibe einen Kommentar